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Forschungsreise Armenien Tanja Schreiber

Forschungsreise nach Armenien

Ende November reiste Tanja Schreiber mit Mitteln aus den Frauenförderfonds des Fachbereichs für Geschichts- und Kulturwissenschaften nach Armenien, um Perspektiven für eine gemeinsame wissenschaftliche Zusammenarbeit zu eröffnen und das archäologische Erbe des Landes kennenzulernen. Im Vorfeld der Rundreise fanden gemeinsame Gespräche mit Dr. Arsen Bobokhyan, dem Leiter des Institute of Archaeology and Ethnography (IAE) der National Academy of Sciences of Armenia, sowie mit dem Leiter der Dvin Archaeological Expedition des IAE statt. An den Gesprächen wirkte auch Dr. Nzhdeh Yeranyan, stellvertretender Leiter des Historischen Museums Armeniens in Jerewan und zentraler Kooperationspartner der Reise, maßgeblich mit.

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Sondierungsgespräche für ein deutsch-armenisches Forschungsprojekt mit dem IAE und dem Historischen Museum Armeniens in Jerewan. (Foto: Nzhdeh Yeranyan).

Die anschließende Forschungsreise durch das Land verdeutlichte, wie eng Landschaft, materielle Kultur und kulturelle Vorstellungen der Menschen miteinander verwoben sind. Einer armenischen Legende zufolge wählten nach der Erschaffung der Welt alle Völker ihren Wohnort, während die Armenier noch feierten. Als die Feier endete, waren alle fruchtbaren Gebiete bereits verteilt, und nur ein steiniges Land blieb übrig. So entstand die Bezeichnung Armenien als „Land der Steine“, die bis heute die enge Verbindung zwischen Landschaft, Erinnerung und kultureller Identität widerspiegelt.

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Steinmarkierungen in der Landschaft: von Hirten errichtete Stele in der Region um den Berg Aragaz (Provinz Aragazotn).

Diese Zuschreibung ist in vielen archäologischen Befunden sichtbar. Armenien verfügt über prähistorische bis neuzeitliche Steinarchitektur, darunter großflächige steinerne Jagdstrukturen („desert kites“), bronzezeitliche Steinreihen bzw. „avenues“ und ikonographisch gestaltete Steinstelen (sogenannte „Drachensteine“) aus dem Hochland sowie eisenzeitliche anthropomorphe Stelen und frühchristliche Kreuzsteine. Auch moderne Steinmarkierungen, etwa von mobilen Hirten errichtete Orientierungspunkte in den Hochweiden, prägen die Landschaft und zeigen die fortdauernde Bedeutung solcher Strukturen bis in die Gegenwart.

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Anthropomorphe Stele aus dem 8.-7. Jhd. v. Chr. im Historischen Museum Armeniens in Yerevan.

Während ikonographische und typologische Aspekte dieser Monumente häufig im Fokus archäologischer Forschung stehen, sind landschaftsbezogene Perspektiven und die Bedeutung dieser Strukturen für heutige Communities bislang erst wenig untersucht. Armenische Kreuzsteine (Khachkars) und andere frühchristliche Steinmonumente knüpfen bis heute an lokale Formen des Erinnerns an und verdeutlichen, dass materielle Spuren der Vergangenheit in aktuellen Traditionen weiterwirken.

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Frühchristliche Kreuzsteine in der Region Amberd (Provinz Aragazotn), die sowohl landschaftliche Orientierungspunkte als auch Orte stiller Andacht darstellen.

Insbesondere die Provinz Tavush mit ihren dichten Wäldern und schwer zugänglichen Gebirgslagen wurde bislang kaum landschaftsarchäologisch erforscht, da die Topografie und Vegetationsdichte systematische Prospektionen erschweren. Gerade dieser Forschungsmangel bietet jedoch ein erhebliches Potenzial für zukünftige Untersuchungen und eröffnet Möglichkeiten, neue Fragen und Zugänge zu entwickeln.

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Dichter Waldbestand in der Region Tavush, auch im Spätherbst. Die unzugängliche Bewaldung verdeutlicht, wie herausfordernd es ist, archäologische Strukturen in diesem Gebiet überhaupt zu erkennen und in ihren landschaftlichen Kontext einzuordnen.

Das Museum in Dilijan, Hauptstadt der Provinz Tavush, verdeutlicht das archäologische Potenzial der Region, zu dem unter anderem zahlreiche Höhlen mit den ältesten bislang in Armenien entdeckten Steinwerkzeugen, aber auch anthropomorphe Stelen, frühchristliche Kreuzsteine und die reiche Klosterlandschaft gehören. Die Ausstellung reicht von prähistorischem Fundmaterial bis zu neuzeitlichen Objekten und ethnographischen Sammlungen und vermittelt damit einen eindrucksvollen Überblick über die langfristige Nutzung und kulturelle Bedeutung des Gebiets.

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Arman Badeyan (links), Direktor des Dilijan Local Lore Museum und Leiter des Department of Cultural Studies der Yerevan State University, führt Dr. Nzhdeh Yeranyan und Tanja Schreiber durch das Museum in Dilijan (Provinz Tavush), in dem archäologische und ethnographische Funde präsentiert werden.

Die Relevanz archäologischer Hinterlassenschaften für lokale Gemeinschaften zeigt sich in vielen Bereichen, etwa in Legenden, in landschaftlichen Erinnerungspunkten oder in bis heute praktizierten Formen des Markierens und Strukturierens von Landschaft. Durch moderne landschaftsarchäologische Methoden lässt sich die ursprüngliche Funktion dieser steinernen Monumente präziser erfassen und ihr Verhältnis zu prähistorischer Landschaftsnutzung und heutigen Erinnerungstraditionen besser verstehen, besonders wenn archäologische, geographische und ethnographische Ansätze zusammengeführt werden.

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Gläubige besuchen das Haghartsin Kloster in der Provinz Tavush, eine frühmittelalterliche Klosteranlage, die auch heute noch genutzt wird und ein Ziel religiöser Andacht ist.

Die Reise hat damit einen wichtigen Ausgangspunkt geschaffen, von dem aus kooperative und gemeinschaftsorientierte Forschung wachsen kann, die sowohl die archäologische Landschaft Armeniens als auch die Perspektiven lokaler Communities einbezieht und langfristige Partnerschaften für die gemeinsame Erforschung dieses kulturell reichen Raums ermöglicht.

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