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Von Çatalhöyük Ost nach West: Kulturelle Umbrüche an der Schwelle vom 7. zum 6. Jahrtausend cal BC in Zentralanatolien

Dr. Peter F. Biehl/State University of New York at Buffalo und Dr. Eva Rosenstock/Freie Universität Berlin

 

Im 7. und 6. Jt. v. Chr. breitet sich die produzierende Lebensweise aus ihrem vorderasiatischen Entstehungsgebiet über Westanatolien und Südosteuropa nach Mitteleuropa aus. Auch auf halbem Wege, in Zentralanatolien, finden um ca. 6000 cal BC am Übergang vom Spätneolithikum (LN) zum Frühchalkolithikum (EC) wirtschaftliche und soziale Umbrüche statt. Ein Vergleich des LN in Çatalhöyük Ost mit anderen Fundplätzen des EC in Anatolien illustriert die Ergebnisse dieser Änderungen, ohne daß bisher der Prozeß selbst exakt datiert und beobachtet werden konnte.

 

 

(Abb. 1: Luftbild der beiden Siedlungshügel. Am linken Bildrand unterhalb der Straße Çatalhöyük West, rechts im Bild Çatalhöyük Ost; Quelle: Çatalhöyük Research project www.catalhoyuk.com)

Çatalhöyük (bei Küçükköy, Provinz Konya, Türkei) mit seinen zwei in diese Zeit fallenden Siedlungshügeln bietet uns die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit dem Dachprojekt unter Prof. Ian Hodder diese Lücke zu füllen. Es zeigte sich, daß das LN auf dem Osthügel und das EC I auf dem Westhügel nicht nur in ihren 14C-Daten konvergieren, sondern auch Ähnlichkeiten in Keramik- und Steingeräteinventar sowie Architektur aufweisen. Mit unserer Grabung konnten wir klären, dass sich der in früheren Publikationen postulierte Jahrhunderte dauernde Hiatus widerlegen läßt und somit zwei direkt aufeinanderfolgende oder sich sogar zeitlich überschneidende Besiedlungen auf dem Ost- und Westhügel vorliegen. Als weiteres wichtiges Ergebnis der Grabungskampagnen 2006 bis 2013 konnte die Bebauungsstruktur des EC auf dem Westhügel bestimmt werden.

(Abb.2 Übersichtsplan der Baustrukturen in T5 2013; Autor: Patrick Willett)

Mit der konglomerierenden Bauweise reiht sie sich nicht nur in die zentralanatolische Bautradition des akeramischen und frühen Neolithikums des 8. und 7. Jt. v. Chr. ein, sondern weist mit dicken Mauern und Stützpfeilern im Innenraum auch große Ähnlichkeiten zu den gleichzeitigen Fundplätzen des frühen 6. Jt. v. Chr. wie Can Hasan, Hacılar oder Kuruçay auf.

Auf der Basis der zu schaffenden chronologischen Sequenz sollen Änderungen in der räumlichen Organisation der Siedlungen und Häuser, Bestattungssitten, "Kunst", Ressourcennutzung und Subsistenz sowie Steingeräte- und Keramikproduktion verfolgt werden.

 

(Abb. 3: Çatalhöyük West. Bemalte Keramik des EC I aus Schnitt 5) 

Die Einbindung bereits bekannter Siedlungen soll uns ermöglichen, diese Entwicklungen zu kontextualisieren und zu interpretieren und so einen Schlüssel zur Chronologie und Kulturgeschichte Zentralanatoliens und seiner Wechselwirkungen mit angrenzenden Regionen zu finden. Ein Baustein hierfür war die international Konferenz “Times of Change: The Turn from the 7th to the 6th Millennium BC in the Near East and Southeast Europe” vom 25 bis 26.11.2011 an der Freien Universität Berlin.

Kooperation: Çatalhöyük Research Project am University College London

Dauer: 2006 – 2011

Fördermittel:

  • McDonald Institute for Archaeological Research der University of Cambridge
  • Freie Universität Berlin
  • State University of New York at Buffalo
  • TransCoop-Programm der Alexander von Humboldt-Stiftung

Aktuelle Publikation

  • David Orton, Jana Anvari, Catriona Gibson, Jonathan Last, Amy Bogaard, Eva Rosenstock und Peter F. Biehl, A tale of two tells: dating the Çatalhöyük West Mound. Antiquity 92, June 2018, 620-639 (link zur freien Online-Version).

Grabungsvorberichte und weiterführende Literatur

  •  Biehl, P.F. 2012 Rapid Change versus Long-Term Social Change during the Neolithic-Chalcolithic Transition in Central Anatolia Interdisciplinaria archaeologica Natural Sciences in Archaeology Volume III/1, 2012, 75–83
  • P. F. Biehl, Ingmar Franz, David Orton, Sonia Ostaptchouk, Jana Rogasch und Eva Rosenstock, One Community and Two Tells: The Phenomenon of Relocating Tell Settlements at the Turn of the 7th and 6th Millennia in Central Anatolia. In: H.-R. Bork/R. Hofmann/F. K. Moetz/J. Müller (Hrsg.), Tells: environmental and social space (=Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 207) (Bonn: Habelt) 53-65.
  • P. F. Biehl/E. Rosenstock, Von Çatalhöyük Ost nach Çatalhöyük West – Kulturelle Umbrüche an der Schwelle vom 7. zum 6. Jt. v. Chr. in Zentralanatolien. In: R. Einicke/St. Lehmann/H. Löhr/A. Mehnert/G. Mehnert/A. Slawisch (Hrsg.), Zurück zum Gegenstand. Festschrift für Andreas E. Furtwängler. Schriften des Zentrums für Archäologie u. Kulturgeschichte des Schwarzmeerraums 16 (Langenweißbach 2009) 471–482.

  • E. Rosenstock, Like a su böreği: settlements and site formation processes in Neolithic Turkey. In: M. Özdoğan/N. Başgelen/P. Kuniholm (Hrsg.), The Neolithic in Turkey: 10500-5200 BC: Environment Settlement, Flora, Fauna, Dating, Symbols of Belief, With views from North, South, East and West. vol. 6 (Istanbul: Arkeoloji ve Sanat 2014) 223-263.

  • E. Rosenstock, Die „Festung“ von Hacılar I. Ein Dekonstruktionsversuch. In: J. Šuteková/ P. Pavúk/P. Kalábková/B. Kovár (Hrsg.), Panta Rhei. Studies in the Chronology and Cultural Development of South-Eastern and Central Europe in Earlier Prehistory Presented to Juraj Pavúk on the Occasion of his 75. Birthday (=Studia Archaeologica et Mediaevalia XI). (Bratislava: Universitätsverlag 2014) 21-34.

  • A. Marciniak/L. Czerniak, Social transformations in the Late Neolithic and the Early Chalcolithic periods in Central Anatolia. Anatolian Studies 57, 2007, 115--130.

  • U.-D. Schoop, Das anatolische Chalkolithikum (= Urgeschichtliche StudienI) (Grunbach 2005).

 

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