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Das Friedrich-Meinecke-Institut trauert um Prof. Dr. Wolfgang Wippermann

News vom 11.01.2021

Am 3. Januar 2021 starb Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut, im Alter von 75 Jahren in Berlin. Wolfgang Wippermann prägte das akademische Leben am Friedrich-Meinecke Institut über viele Jahrzehnte; er war ein leidenschaftlich Lehrender, ein profilierter Historiker und ein streitbarer Zeitgenosse. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er durch eine Stellungnahme für Daniel Goldhagen in der Goldhagen-Kontroverse der 1990er Jahre und durch die kritische Auseinandersetzung mit Totalitarismus- und Extremismustheorien bekannt. Mit dem Tod von Wolfgang Wippermann verliert das Friedrich-Meinecke-Institut eine markante Forscherpersönlichkeit und einen engagierten Historiker.

1945 in Wesermünde geboren, studierte Wolfgang Wippermann in Göttingen und Marburg Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft und kam 1973 an die Freie Universität Berlin. Zwei Jahre später wurde er bei Ernst Nolte mit einer Studie zur Ideologisierung des Deutschen Ordens in Geschichtsschreibung und Publizistik promoviert. 1978 folgte die Habilitation, wiederum bei Ernst Nolte, die sich mit der Bonapartismustheorie von Marx und Engels beschäftigte und 1982 in der renommierten Reihe Geschichte und Theorie der Politik im Klett-Cotta Verlag erschien. 1983 wurde Wolfgang Wippermann zunächst außerplanmäßiger Professor am FMI, um ein Jahr später zum C2-Professor auf Zeit ernannt zu werden. Der Ruf auf eine Professur mit dem Schwerpunkt Faschismusforschung wurde 1988 vom zuständigen Berliner Senator nicht erteilt; dieser folgte nicht der Empfehlung des Präsidiums und der Berufungskommission, die Wippermann in ihrer Bestenauslese auf Platz 1 der Liste gesetzt hatten. Auch wenn Wolfgang Wippermann damit eine Strukturprofessur auf Lebenszeit am Friedrich-Meinecke verwehrt blieb, zählte er zu den Professor*innen des Instituts, die eigene Forschungsthemen signifikant weiterentwickelten, den akademischen und politischen Diskurs mitprägten und eine breite Öffentlichkeitswirkung hatten. International wurde ihm die Professorenwürde vielfach angetragen: Von 1987 bis 1992 nahm er mehrere Gastprofessuren in den USA und in China wahr, u.a. an der Duke University, der Indiana University Bloomington, der University of Minnesota sowie der Capital Normal University in Peking.

 

Wolfgang Wippermann war ein vielseitiger und produktiver Historiker. Bis zu seinem Tode publizierte er annähernd 40 Monographien, einige davon als Co-Autor, fünf Sammelbände und rund 200 Aufsätze, Handbuch- und Lexikonartikel. Neben Veröffentlichungen wie zur Geschichte der Corps und Burschenschaften oder zur Geschichte der Hunde waren und blieben seine lebenslangen wissenschaftlichen Schwerpunktthemen die Auseinandersetzung mit Faschismus, Nationalsozialismus, Totalitarismus, Antisemitismus und Antiziganismus. Die Faschismusforschung betrieb Wolfgang Wippermann in Westdeutschland bereits zu einer Zeit, als diese sich zunächst vor allem in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien und Frankreich entwickelte. Aus dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung erwuchs die Studie über die Faschismustheorien, die als Grundlagenwerk gilt. Erstmals 1972 publiziert, erschien sie bis 1997 in sieben Auflagen. Internationales Renommee erlangte Wippermann mit seiner Veröffentlichung über den Racial State. Germany 1933-1945, die er gemeinsam mit dem Historiker Michael Burleigh 1991 vorlegte und die in der Folge auch in italienischer und japanischer Übersetzung erschien. Wippermann und Burleigh prägten darin den Begriff des „Rassenstaates“ und legten damit eine ideologische Deutung der nationalsozialistischen Rassenideologie vor. Wegweisend wirkte Wippermann darüber hinaus in der Antiziganismus-Forschung. Als einer der Ersten arbeitete er zur Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma vom Spätmittelalter bis in den Nationalsozialismus und analysierte die Parallelen zum Antisemitismus. Ein weiteres Forschungsfeld Wippermanns war Deutschland und der europäische Osten, ein Thema, das Wippermann aus beiden Perspektiven bearbeitete und damit auch den osteuropäischen Blick auf dieses Verhältnis darstellte. Überwiegend der Ideengeschichte verpflichtet, wendete er vereinzelt auch einen alltagsgeschichtlichen Zugriff auf die Geschichte an wie in der „Fallstudie zur Alltagsgeschichte der Juden vom 18. Jahrhundert bis zur NS-Zeit“, die 1985 erschien.

 

Gegenüber seinem akademischen Mentor Ernst Nolte unterhielt Wippermann ein komplexes Verhältnis. Ernst Nolte, der sich prominent im Historikerstreit 1986 positionierte, übte zunächst durch seine große Sachkenntnis und Belesenheit eine Faszination auf den jungen Wippermann aus. Auch methodisch wirkte dieser als Anhänger einer traditionellen Ideengeschichte inspirierend, da Wippermann hierin das Potential für seine Analysen der Faschismustheorien erkannte. Zur Distanzierung und zum endgültigen Bruch zwischen Lehrer und Schüler kam es nach dem Spiegel-Gespräch Noltes mit Augstein. Wippermann warf ihm vor, sich nah an der Grenze der Holocaustleugnung zu bewegen (Zeit Online, Interview 31. Juli 2011) und distanzierte sich in der Folge politisch und wissenschaftlich von den rechtskonservativen und rechtsnationalen Positionen seines Lehrers Nolte.

 

Wolfgang Wippermann war ein leidenschaftlicher und politischer Historiker. Seine wissenschaftlichen Thesen trug er bewusst in öffentliche Foren und Debatten hinein. Er war niemals unverbindlich, sondern vertrat entschieden profilierte Meinungen und Thesen – und überdies in verschiedenen Medien. Im Fernsehen war er u.a. in der Talkshow von Johannes B. Kerner zu Gast und konfrontierte dort Eva Herrmann mit ihrer mystifizierenden Sicht auf Frauen und deren Mutterrolle im Nationalsozialismus. Als seinem Selbstverständnis nach linker Historiker, der kein Blatt vor den Mund nahm, war er zudem bei Veranstaltungen linker politischer Gruppen gern gesehen und publizierte in der linken Berliner Wochenzeitschrift Jungle World. Zusammen mit seinem politischen, linken Engagement pflegte er einen gewissen Konservatismus: Bis zu seinem Tod blieb er als Alter Herr in einer Studentenverbindung aktiv.

 

Große Verdienste erwarb sich Wolfgang Wippermann insbesondere auch in der akademischen Lehre. Wippermann, für den die Lehre nie eine Last war, lehrte mit großem Engagement und deutlich mehr, als sein Deputat verlangte. Er betreute in vier Jahrzehnten weit über Tausend Magister, Staatsexamens-, Bachelor- und Masterarbeiten und versammelte einen namhaften Kreis an Doktorand*innen um sich. Darüber hinaus betreute er über viele Jahre amerikanische Studierende, die mit dem Fulbright-Programm an die FU kamen. Seine Schüler*innen schätzten ihn als einen solitären, diskussionsfreudigen, meinungsstarken und stets zugewandten akademischen Lehrer, der intensiv betreute, exzellent auf Prüfungen vorbereitete und immer auch die Freiheit ließ, eigene Wege zu gehen.

 

Das Friedrich-Meinecke-Institut verliert mit Wolfgang Wippermann einen engagierten Kollegen, der sich und seinem wissenschaftlichen wie politischen Selbstverständnis bis zu seinem Tode treu blieb.

 

Univ.-Prof. Dr. Daniela Hacke (PhD), Geschäftsführende Direktorin des Friedrich-Meinecke-Instituts

 

Die Beisetzung findet am Dienstag, den 26. Januar 2021, um 11.00 Uhr auf dem Waldfriedhof Zehlendorf in 14129 Berlin-Nikolassee, Potsdamer Chaussee 75 (Eingang Wasgensteig), statt.

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