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Nachruf auf Lorenz Weinrich (1929–2025)

News vom 15.12.2025

Im 97. Lebensjahr ist unser ältester, aber noch tätiger Kollege verstorben. Er hatte dem Friedrich-Meinecke-Institut seit der Gründung der Freien Universität Berlin angehört, an der er Geschichte und Klassische Philologie studierte. Im August 1954 wurde er mit einer Arbeit über „Wala – Graf, Mönch und Rebell. Die Biographie eines Karolingers“ bei Wilhelm Berges promoviert. Mitte der 1950er Jahre legte er das erste und zweite Staatsexamen ab. Seit 1954 unterrichtete er an der Beethoven-Oberschule Geschichte und Latein, und seit 1957 nahm er einen Lehrauftrag für Mittellatein am Friedrich-Meinecke-Institut wahr. Lorenz Weinrich wechselte im April 1962 gänzlich dorthin und erlangte zunächst die Einstufung als Akademischer Rat. Im Jahr 1971 habilitierte er sich und wurde Professor für mittelalterliche Geschichte.

Zunächst übernahm Lorenz Weinrichs den Lateinunterricht für die schnell gewachsene Zahl der Studierenden der Geschichte. Der Nachweis von Lateinkenntnissen war damals noch eine Voraussetzung für das Studium der Geschichte. Eine wichtige Hilfe auf diesem für viele schwierigen Weg war die Bereitstellung von zweisprachigen Ausgaben zentral wichtiger lateinischer Quellentexte, die in der von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft herausgegebenen Reihe der „Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgaben“ veröffentlicht wurden. Diese von Lorenz Weinrich übernommene Aufgabe trug ihm Ehre und Ruhm ein; alle Studierenden kannten damals „den Weinrich“ oder bald „die Weinriche“. Ein Überblick über die im Laufe der Jahre erschienenen Titel mag dies unterstreichen:

1. (zusammen mit Herbert Helbig:) Urkunden und erzählende Quellen zur deutschen Ostsiedlung im Mittelalter, Darmstadt 1968;

2. Quellen zur deutschen Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte bis 1250, Darmstadt 1977;

3. Quellen zur Verfassungsgeschichte des Römisch-Deutschen Reiches im Spätmittelalter (1250–1500), Darmstadt 1983;

4. (zusammen mit Jürgen Miethke:) Quellen zur Kirchenreform im Zeitalter der großen Konzilien des 15. Jahrhunderts. Erster Teil: Die Konzilien von Pisa (1409) und Konstanz (1414–1418), Darmstadt 1995;

5. Quellen zur Reichsreform im Spätmittelalter, Darmstadt 2001;

6. Heiligenleben zur deutsch-slawischen Geschichte. Adalbert von Prag und Otto von Bamberg, Darmstadt 2005.

Diese Editionen und Übersetzungen fanden nicht nur in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz, in Frankreich, den Niederlanden, in Polen und in Italien Aufmerksamkeit und Abnehmer, sondern auch in Japan, wie der Autor dieser Skizze feststellen konnte.

Ein weiteres wissenschaftliches Werk sei hier noch angefügt, nämlich über „Das ungarische Paulinerkloster Santo Stefano Rotondo in Rom (1404–1579)“, Berlin 1998.

Bis zu seinem 90. Lebensjahr nahm er noch – gelegentlich mit einem Vortrag – an den Sitzungen des mediävistischen Seniorenkreises teil, die seit 2006 monatlich stattfanden. Bei allen von ihm ausgeübten Tätigkeiten im Kollegenkreis zeichnete ihn seine Ruhe aus.

Ein zweiter Schwerpunkt von Lorenz Weinrichs Aktivitäten war sein Engagement in der katholischen Kirche, speziell der Pfarrgemeinde Mater Dolorosa in Berlin-Lankwitz, wo er von 1952 bis 2002 als Leiter der Choralschola tätig war, dem Pfarrgemeinderat und dem Kirchenvorstand angehörte. Auch in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit übte er leitende Funktionen aus. Für diese Aktivitäten wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Prof. Dr. Knut Schulz

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OSA Geschichte
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