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IV. Istrien

Inschrift des Mauritius-Ziboriums (im Lapidarium zu Novigrad)

Inschrift des Mauritius-Ziboriums (im Lapidarium zu Novigrad)
Bildquelle: André Fischer

IV. 1. Überblick

IV. 2. Die Altstadt von Poreč

IV. 3. Die Euphrasius-Basilika in Poreč

1. Überblick (S. E.)

Die Verbindungen Istriens mit den venetischen Gebieten waren im Frühmittelalter nicht nur aufgrund der gemeinsamen römischen Provinzverwaltungstradition (Venetia et Histria) gegeben, sondern erhielten gerade nach der justinianischen Reconquista neue Impulse. Beredter Zeuge ist der Ravennater Erzbischof Maximianus (gest. 556), ein gebürtiger Istrier, der mit Unterstützung Justinans im Jahr 546 den zum Erzbistum aufgewerteten Ravennater Stuhl bestieg und seiner neuen Wirkungsstätte nicht unbeträchtlichen Grundbesitz in Istrien verschaffte. Zugleich blieb Maximian seiner istrischen Heimat treu und ließ in seiner Heimatstadt Pula die prunkvolle Basilika S. Maria Formosa erbauen, deren eine noch heute erhaltene Grabkapelle (zu besichtigen nach Anmeldung) einen Eindruck vom Darstellungswillen dieses bedeutenden justinianischen Kirchenfürsten vermittelt.

Am eindrucksvollsten sind die Folgen der justinianischen Rückeroberung für Istrien heute jedoch in Poreč erkennbar. Noch das heutige Erscheinungsbild von Poreč lässt den Besucher die Geradlinigkeit einer antiken Planstadt und das repräsentative Selbstbewusstsein einer bedeutenden Kolonie spüren. Die berühmte Euphrasius-Basilika (erbaut zwischen 543 und 554) erhielt nicht nur eine prunkvolle Mosaikausstattung, deren ausgefeiltes Bildprogramm vor dem Hintergrund der Theologie der Rückeroberungszeit zu sehen ist. Ihre Situierung inmitten eines ausgedehnten – und einzigartig erhaltenen – Basilikalkomplexes, zu dem neben der Kathedrale auch das Baptisterium und der bischöfliche Palast mit verschiedenen repräsentativen und funktionsspezifischen Räumen gehören, unterstreicht vielmehr die herausragende, weltliche und geistliche Kompetenzen vereinigende Rolle, die dem Bischof im Rahmen der justinianischen Kirchenpolitik zugedacht war.

Das Ende des Exarchates von Ravenna im Jahr 751 und die pippinische Schenkung von 754 änderten auch die Stellung Istriens gravierend. Nach langobardischen Übergriffen gelang es schließlich den Franken, das Gebiet um 788 unter ihre Kontrolle zu bringen. Unter den istrischen Städten ist es vor allem Novigrad (Cittanova), das diesen Wandel in einzigartiger Weise bezeugt. Mauritius, der Bischof der Stadt, war bereits vor 780 der Zusammenarbeit mit den Franken bezichtigt und deswegen von der lokalen Bevölkerung vertrieben worden. Als er auf Weisung von Papst und Frankenherrscher erneut in sein Amt gelangte, ließ er Cittanova als Bischofssitz äußerst prunkvoll ausbauen. In den letzten Jahren gelang Ivan Matejčić der Nachweis, dass die heute erhaltene dreischiffige Pelagius-Basilika samt der dazugehörigen Krypta in ihrem Kern in den Übergang vom 8. zum 9. Jahrhundert zu datieren ist, wobei die Bauform auf das Frankenreich verweist und viele verwendete Bauteile norditalischen Vorbildern verpflichtet sind (www.muzej-lapidarium.hr/index.php?ln=it&w=stalni_postav). Dies gilt im besonderen für das zu weiten Teilen erhaltene Mauritius-Ziborium, welches, aus einer friaulischen Steinmetzwerkstatt stammend und stilistisch mit den etwas früher datierten Ziborien in Cividale und Aquileia eng verwandt, für das (heute nicht mehr erhaltene) Baptisterium der Kathedrale bestimmt war. Die erhaltene Inschrift nennt Mauritius als Auftraggeber (→ Bild: Mauritius-Inschrift). Zugleich jedoch war Cittanova – und dies unterstreicht seine Bedeutung als Bistum – auch der Sitz des militärischen Gouverneurs der istrischen Provinz unter fränkischer Herrschaft: Unter dem dort residierenden dux Johannes, der über einen ausgedehnten Fiskus als Amtssitz verfügte und eine Dynastie begründete, wurde die istrische Bevölkerung bereits 791 personell, materiell und logistisch massiv in den großangelegten fränkischen Awarenkrieg einbezogen. Dieser brachte sogar die vorübergehende Annexion Dalmatiens durch das Frankenreich, wofür Karl der Große 805 eine (nicht mehr erhaltene) Ordnung erließ, die mit der Rückgabe Dalmatiens an Byzanz im Aachener Frieden von 812 aufgehoben wurde.

Weitere schriftliche und archäologische Überlieferungen dokumentieren die Auswirkungen der fränkischen Herrschaftsübernahme in Istrien ebenso anschaulich wie drastisch. Das istrische Placitum von Rižana aus dem Jahr 804, basierend auf den eidlichen Aussagen von 172 Honoratioren der Provinz, zeigt, wie die istrischen Städte ihre antiken Traditionen der Selbstverwaltung unter den fränkischen Machthabern zu behaupten verstanden, nachdem sie der frankenfreundliche dux Johannes zwischenzeitlich eklatant außer Kraft gesetzt hatte. Zugleich gelang es dem Gradenser Patriarchen Fortunatus, die kirchliche Oberhoheit Grados über die istrischen Bistümer zu behaupten; erst das Konzil von Mantua (827) bewirkte mit der Unterstellung der istrischen Bistümer unter Aquileia, dass die politischen und kirchlichen Grenzen zwischen Byzanz und dem Frankenreich kongruent wurden. Sichtbar werden im Placitum von Rižana neben ausgedehnten kirchlichen Grundherrschaften im Inneren Istriens auch die slawischen Militärsiedler, die für die Franken das istrische Hinterland gegenüber seinen Nachbarn absichern sollten. Archäologisch lassen vor allem die Ausgrabungen in Guran bei Vodnjan eine neue landsässige Aristokratie erkennen (www.mickas.unizg.hr/guran.htm). Deren bauliche Repräsentation, dokumentiert in ländlichen Siedlungskomplexen mit hochwertig ausgestatteten kleineren Kirchen scheint westlichen Modellen verpflichtet. Auch die Kapitellfunde bei Bale erlauben diesen Schluss (www.mickas.unizg.hr/bale.htm). Diese Veränderungen und Rezeptionsvorgänge erscheinen als Vorboten der weiteren politischen und sozialen Geschichte Istriens im Mittelalter.

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