Forschungsschwerpunkt Religion

Im Forschungsfeld Religion(en) in China werden einzelne Religionen bzw. das Feld Religion generell als Teil der gesellschaftlichen, geschichtlichen und intellektuell-diskursiven Wirklichkeit Chinas untersucht. Ein Fokus liegt auf den Transformationen des religiösen Feldes, wobei besonders der Übergang von der Vormoderne zum modernen China betrachtet wird. In Überschneidung mit dem Forschungsschwerpunkt Geschichte und Kultur wird zudem die Relevanz der christlichen Mission im Kontext des Kolonialismus untersucht.

Intellektuelle weltanschauliche Traditionen

Der Religionsbegriff wird oft nicht nur auf die vormodernen chinesischen Traditionen des Buddhismus und Daoismus, sondern auch des Konfuzianismus angewandt, der zugleich als Philosophie deklariert wird. Zusammengenommen werden sie als die “Drei Lehren” (sanjiao) Chinas bezeichnet. Aber auch Christentum, Islam und viele kleinere Religionsgemeinschaften sind Teil chinesischer Geschichte und Gegenwart, die anhand ihrer Schriften und indigenen Denktraditionen untersucht werden können.

Religion(en) als Teil der Gesellschaft

Neben den intellektuellen Traditionen kann Religion als Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit sowohl des vormodernen als auch modernen China betrachtet werden. Insbesondere die „Volksreligion“ mit ihren lokalen Tempeln, Tempelfesten und Sitten stellt einen integralen Teil lokaler Gesellschaft dar. Auch die Begegnung einzelner religiöser Tradition und ihrer Akteure fand nicht zuletzt auf lokaler Ebene und als Teil gesellschaftlicher Austausch- und Veränderungsprozesse statt, z.B. im Aufeinandertreffen christlicher Mission mit den vorfindlichen Traditionen. Moderne Transformations- und Globalisierungsprozesse haben in der Gegenwart zu grundlegenden Veränderungen des religiösen Feldes geführt, die je nach lokalen Kontexten (Taiwan, VR China, Hongkong, Überseechinesen) komparativ analysiert werden müssen.

Religionsdiskurse und -semantiken und ihr Wandel

Religionsdiskurse finden sich bereits im vormodernen China in innerreligiösen Debatten wie auch als öffentliche Auseinandersetzung um die Rolle einzelner Traditionen. Mit Einführung des modernen Religionsbegriffs (zongjiao) finden sich seit ca. 1900 explizite Debatten um die Rolle von Religion(en) in China. Wie werden seit der Einführung westlich geprägter Begrifflichkeiten und Kategorien religiöse Traditionen und Phänomene beschrieben? Wie ist der anhaltende Wandel religionsbezogener Semantiken kontextuell darzustellen, der nicht nur den Religionsbegriff selbst umfasst, sondern auch Begrifflichkeiten wie Aberglaube, Glaube, religiöse Erfahrung, Mystik, Religionsfreiheit etc.?

Religion(en) und der Staat

Der Staat spielt sowohl im Verhältnis zu den religiösen Traditionen eine Rolle, wie umgekehrt diese auf den Staat zurückwirken. Im vormodernen kaiserlichen China stellte der Staat einen wichtigen Akteur im religiösen Feld dar und privilegierte die Lehre des Konfuzianismus als Staatsorthodoxie. Buddhismus und Daoismus waren ebenfalls zugelassen, jedoch kontrolliert. Andere Gruppen wurden als „Sekten“ hingegen ausgegrenzt und verfolgt. In der heutigen kommunistischen VR China sind die offiziellen Religionsverbände dem Staat korporatistisch untergeordnet, aber anerkannt. Andere Gruppen (Untergrundkirchen, Falun Gong) sind hingegen repressiven Maßnahmen ausgesetzt.

Die Rolle des Staates stellt darum eine wichtige Forschungsperspektive im Gefüge des Mit- und Gegeneinanders verschiedener weltanschaulicher Lehren sowohl in der Vergangenheit als auch Gegenwart dar.

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