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I. 2. Das römische Ravenna (A. K.)

 

“In diesem Sumpf ist die Ordnung aller Dinge verdreht, wo unablässig Mauern fallen, Wasser stehen, der Stuhlgang fließt, die Schiffe festsitzen, Kranke herum spazieren, Ärzte darniederliegen, kalt sind die Bäder, die Wohnungen überhitzt, verdursten die Lebenden, im Wasser schwimmen die Begrabenen, wachen die Diebe, schlafen die Behörden, Wucher treiben die Geistlichen, die Syrer Psalmen singen, Händler dienen, Mönche handeln, mit dem Ball sich die Greise üben, am Würfelspiel die jungen Männer, an den Waffen die Eunuchen, an den Wissenschaften die Krieger.“

So wurde Ravenna im 5. Jahrhundert von Sidonius Apollinaris (Brief I 8) beschrieben. Das ist zwar sehr überzeichnet, aber dennoch ist es möglich, auf dieser Grundlage ein vages Bild der Wirklichkeit zu zeichnen. Die natürlichen Gegebenheiten der Stadt und ihrer Umgebung in der Antike unterschieden sich vom heutigen Zustand grundlegend. Wo sich heute festes Land befindet und bis zur Küste ein Weg von mehreren Kilometern zurückzulegen ist, lagen in der Antike Wasserflächen oder Sümpfe sowie Landzungen und Dünen direkt vor dem offenen Meer. Wahrscheinlich war Ravenna sogar komplett von Wasser umgeben und besaß nur im Süden eine Landverbindung. Auch die Anlage eines Hafens wurde durch diese Bedingungen begünstigt, zwischen den Inseln und Lagunen war er wahrscheinlich als natürliches Hafenbecken eingetieft. In spätantiker Zeit lag Ravenna durch starke landschaftliche Veränderungen schon etwa einen halben Kilometer vom Meer entfernt, weswegen sich der Schiffsverkehr wohl auf den Hafen der südlich gelegenen Civitas Classis konzentrierte. Seiner Landschaft und seinem als uneinnehmbar geltenden Status verdankte Ravenna seine besondere Position und seine bewegte Geschichte.

Gegründet wurde die Stadt wahrscheinlich im 5. oder 6. Jahrhundert v. Chr., wobei die Umstände der Anfänge wie auch die genaue Lage, Ausdehnung und Gestalt nicht bekannt sind. Unter Augustus erlangte das seit der spätrepublikanischen Zeit mit Rom verbündete Ravenna größere Bedeutung, es wurde Flottenstützpunkt und erhielt den Status eines römischen Municipiums. Zu dieser Zeit entstand auch ein erstes städtebauliches Konzept: Durch ausgeprägte Bautätigkeit wurde die Stadt sowohl größer als auch repräsentativer. 404 n. Chr. verlegte Kaiser Honorius, beeinflusst durch seinen Heermeister Stilicho, seine Residenz nach Ravenna und machte die Stadt zur Hauptstadt des Westreiches. Dies bildete den zweiten wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der Stadt. Es begann der umfassendste Ausbau der Stadt, der zunächst durch die römischen Kaiser und später auch durch die germanischen Könige und die Bischöfe bzw. Erzbischöfe gefördert wurde. Eine weitere Blütezeit begann für Ravenna nach dem Fall des Weströmischen Reiches unter der Herrschaft des Odoaker und, nach dessen Ermordung, der Ostgoten. Deren Heerführer Theoderich war Verbündeter Ostroms und wurde als König anerkannt. Er machte Ravenna zur Hauptstadt seines Reiches und sorgte für einen neuerlichen Aufschwung. Die Eroberung von Classe durch den byzantinischen Feldherrn Belisar beendete in der Mitte des 6. Jahrhunderts die Ostgotenherrschaft.

 

Detail aus einem Mosaik im sogenannten Mausoleum der Galla Placidia

 

S. Vitale: Kreuzgewölbe des Presbyteriums und Apsis mit Mosaiken - Bilder: André Fischer

 

I. Ravenna (Übersicht):

I. 1. Überblick

I. 2. Das römische Ravenna

I. 3. Sant'Apollinare Nuovo

I. 4. Das Theoderich-Mausoleum

I. 5. Die Basilika Sant'Apollinare in Classe

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