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Gastvortrag: Richard Wittmann "Auf der Walz in osmanischen Landen: Migration und Fremde in den Selbstzeugnissen deutschsprachiger Handwerker in der Türkei des 19. Jahrhunderts"

15.01.2020 | 18:00
Aus dem Reisegepäck eines deutschen Handwerkers in Istanbul, 1830er Jahre.

Aus dem Reisegepäck eines deutschen Handwerkers in Istanbul, 1830er Jahre.

Briefe, Tagebücher und andere Selbstzeugnisse von deutschsprachigen Handwerkern auf der Gesellenwanderung stellen einen Quellenbestand dar, der direkten Einblick verschafft in die Wahrnehmung einer fremden Kultur und Arbeitswelt sowie in das Funktionieren internationaler Arbeitsmigration ins Osmanische Reich des 19. Jahrhunderts.

 

Das Zunftsystem regelte in Europa bis in die Frühe Moderne hinein Ausbildung und Organisation der Handwerksberufe und bestimmte oftmals in umfassender Weise den Lebensalltag und die gesellschaftliche Stellung der Zunftmitglieder. Zur Erfüllung traditioneller Pflichten im Handwerk zählten die als Wanderjahre bekannten Ausbildungszeiten von Gesellen, von denen erwartet wurde, dass sie ihr erlerntes Handwerk zunächst fern ihres Ausbildungs- und Heimatortes an unterschiedlichen Orten ausübten, ehe sie die Meisterprüfung in ihrem Fach ablegen konnten, die sie für die freie Ausübung ihres Handwerks an ihrem Herkunftsort qualifizierte. Wurden ursprünglich eher geringe Distanzen auf der Walz zurückgelegt, die als „Wanderschaft“ zu Fuß beschritten werden konnten, änderte sich dies grundlegend im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts. Neue und erschwinglichere Verkehrsmittel, politische Umbrüche und Massenarmut in Mitteleuropa führten dazu, dass auch einst unerreichbare Fernziele wie der islamisch geprägte östliche Mittelmeerraum attraktive Regionen wurden, in die es wagemutige Gesellen nach ihrer Lehrzeit zog.

 

In der Regel allenfalls in Kleinstauflagen publiziert, finden sich die wenig beachteten autobiographischen Quellen von migrierenden Handwerkern heute teils in Lokalarchiven, teils im Privatbesitz in der Türkei und in Deutschland.

Durch Bezugnahme auf diesen bislang in der Turkologie und der Geschichtsforschung zum östlichen Mittelmeerraum praktisch ungenutzten Fundus an Selbstzeugnissen untersucht der Beitrag, wie Handwerker, die auf ihrer Wanderschaft bis ins Osmanische Reich gelangt waren, sich schreibend in einem fremden kulturellen, sprachlichen und religiösen Umfeld verorteten und welche Informationen und Erkenntnisse dabei Eingang fanden in ihre narrativen Beschreibungen.

Zeit & Ort

15.01.2020 | 18:00

Raum: 1.2002
Fabeckstr. 23-25
14195 Berlin

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