Geschichte des Instituts
Eduard Sachau (1845–1930)
Eugen Mittwoch (1876–1942)
Rudolf Macuch (1919–1993)
Rudolf Macuch (1919–1993), Berlin 1990
Rainer Voigt
Die vorliegende Darstellung geht auf einen früheren Text von Stefan Schorch zurück, der von Ulrike-Rebekka Nieten, Shabo Talay und Maciej Klimiuk umfassend überarbeitet, erweitert, aktualisiert und bis in die Gegenwart fortgeschrieben wurde.
Die Anfänge der Berliner Semitistik
Die Erforschung semitischer Sprachen und Kulturen gehört seit mehr als zwei Jahrhunderten zum wissenschaftlichen Profil Berlins. Bereits im Jahr 1812 wurde ein Extraordinariat für orientalische Sprachen eingerichtet, das zunächst der Theologischen Fakultät angehörte.
Einen entscheidenden Aufschwung erlebten die Orientalistik und die Semitistik in Berlin mit der Berufung des bedeutenden Semitist Eduard Sachau (1845–1930) im Jahr 1876. Sachau leistete grundlegende Beiträge zur Erforschung der arabischen und syrisch-aramäischen Sprache und verband die Arbeit an klassischen Texten mit dem Interesse an lebendigen Sprachtraditionen Westasiens und Nordafrikas. Über seine wissenschaftliche Tätigkeit hinaus spielte er eine wichtige Rolle bei der institutionellen Entwicklung der Orientalistik in Deutschland. Unter seiner Leitung entwickelte sich das 1887 gegründete Seminar für Orientalische Sprachen zu einem bedeutenden Zentrum der sprachwissenschaftlichen und kulturhistorischen Forschung.
Zu den herausragenden Berliner Gelehrten dieser Zeit gehörten auch Martin Hartmann (1851–1918) und Georg Kampffmeyer, die wichtige Beiträge zur Erforschung arabischer Dialekte leisteten und damit früh Forschungsfelder erschlossen, die bis heute zu den Schwerpunkten der Berliner Semitistik zählen.
Eine zentrale Gestalt der Berliner Semitistik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Eugen Mittwoch (1876–1942). Seit 1907 lehrte er als Privatdozent Ge’ez (Altäthiopisch) und Amharisch an der Berliner Universität, wurde 1915 zum Extraordinarius und 1919 zum ordentlichen Professor ernannt. Von 1928 bis zu seiner erzwungenen Emeritierung durch das nationalsozialistische Regime im Jahr 1935 leitete er das Seminar für Orientalische Sprachen. Seine Forschungen zur Äthiopistik, zum Arabischen und zu den altsüdarabischen Inschriften gehören bis heute zu den wichtigen Leistungen der Berliner Orientalistik.
Neben der Universität spielte auch das jüdisch orthodoxe Rabbinerseminar eine große Rolle für die Entwicklung der Semitistik in Berlin. Hier wirkte seit 1874 Jakob Barth (1851–1914), einer der bedeutendsten Vertreter der vergleichenden Semitistik seiner Zeit. Barth lehrte zugleich an der Berliner Universität und prägte die Entwicklung der semitischen Sprachwissenschaft nachhaltig. Das nach ihm benannte „Barthsche Gesetz“ zählt bis heute zu den grundlegenden Erkenntnissen der vergleichenden semitischen Sprachwissenschaft.
Die Etablierung der Semitistik an der Freien Universität Berlin
Die Tradition der Berliner Semitistik wurde nach dem Zweiten Weltkrieg an der 1948 gegründeten Freien Universität Berlin fortgeführt. Zu den frühen Vertretern des Faches gehörte der Indogermanist, Altorientalist und Semitist Johannes Friedrich (1893–1972), der seit 1950 an der Freien Universität lehrte und die Grundlagen für die spätere institutionelle Verankerung der Semitistik legte.
Als eigenständiger Studiengang besteht die Semitistik an der Freien Universität seit 1963. In diesem Jahr folgte Rudolf Macuch (1919–1993) einem Ruf auf das neu geschaffene Ordinariat für Semitistik und Arabistik. Mit seiner Berufung begann eine neue Phase in der Geschichte des Faches in Berlin.
Macuch gehörte bereits damals zu den international führenden Forschern auf dem Gebiet der Mandäistik. Seine Arbeiten zum Mandäischen und insbesondere seine Erforschung des Neumandäischen begründeten seinen wissenschaftlichen Ruf weit über Deutschland hinaus. In Berlin führte er diese Forschungen fort und erweiterte sie zugleich auf andere moderne aramäische Sprachen sowie auf die Samaritanistik. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Seminar innerhalb weniger Jahre zu einem Zentrum der Aramaistik und Samaritanistik. Eine besondere Bedeutung erlangten dabei die Spezialsammlungen des Instituts, darunter eine umfangreiche Fachbibliothek, ein Manuskriptarchiv sowie eine Sammlung von Tonaufnahmen semitischer Sprachen.
Die Verbindung von Forschung und Lehre spielte bereits unter Macuch eine zentrale Rolle. Zugleich wurde eine Tradition begründet, die das Fach bis heute prägt: die Verbindung philologischer Forschung mit der Dokumentation lebender Sprachtraditionen.
Die Weiterentwicklung des Faches seit 1988
Nach der Emeritierung Rudolf Macuchs im Jahr 1988 übernahm Rainer Voigt die Professur für Semitistik und Arabistik. Unter seiner Leitung wurden bestehende Forschungsschwerpunkte weitergeführt und zugleich neue Akzente gesetzt. Besondere Bedeutung gewannen die vergleichende Semitistik, die Semitohamitistik (Afroasiatistik), die Äthiopistik, die Ugaritistik sowie die Erforschung semitischer Epigraphik.
Während dieser Zeit entwickelte sich Berlin zu einem der wichtigsten Zentren der äthiopischen Sprachforschung im deutschsprachigen Raum. Das Lehrangebot umfasste neben Ge’ez auch Amharisch, Tigrinisch, Tigre und Oromo. Zahlreiche Forschungsprojekte, internationale Kooperationen und wissenschaftliche Tagungen stärkten die internationale Vernetzung des Instituts.
Zu den bedeutenden Veranstaltungen dieser Jahre gehörten die Internationale Äthiopistentagung (2000), der 7. Internationale Semitohamitistenkongress (2004), die 5. Deutsche Syrologentagung (2006) sowie die 3. Internationale Enno-Littmann-Konferenz (2009). Die Ergebnisse dieser Tagungen wurden in mehreren wissenschaftlichen Reihen veröffentlicht, die unter der Herausgeberschaft Rainer Voigts erschienen, darunter die Reihen Semitica et Semitohamitica Berolinensia, Mandäische Forschungen und Studien zum Horn von Afrika.
Mit seinen Forschungen und seiner wissenschaftsorganisatorischen Tätigkeit prägte Rainer Voigt die Berliner Semitistik über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg. Seine Arbeiten zur Äthiopistik, Semitistik und Afroasiatistik fanden große Anerkennung. Anlässlich seines 70. Geburtstages wurde 2014 die Tagung Sprache, Literatur und Kultur – 50 Jahre Semitistik an der Freien Universität Berlin veranstaltet. Zu seinem 80. Geburtstag fand am 17. Januar 2024 die Festveranstaltung Aethiosemitica statt, bei der Kolleg*innen aus dem In- und Ausland sein wissenschaftliches Lebenswerk würdigten.
Nach der Emeritierung Voigts wurde die Professur zunächst von Ulrike-Rebekka Nieten vertreten. In diese Zeit fielen tiefgreifende Veränderungen der Hochschullehre im Zuge des Bologna-Prozesses sowie die Einführung neuer Studienstrukturen, die das Fach nachhaltig prägten.
Die Berliner Semitistik im 21. Jahrhundert
Mit der Berufung von Shabo Talay auf die Professur für Semitistik im Jahr 2014 begann eine neue Phase in der Geschichte der Berliner Semitistik. Talay, der zuvor an der Universität Bergen (Norwegen) und an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg tätig war, brachte neue Impulse insbesondere in den Bereichen der Aramaistik sowie der arabischen und neuaramäischen Dialektologie nach Berlin.
Unter seiner Leitung entwickelte sich das Institut zu einem international sichtbaren Zentrum für die Erforschung der Sprachen und Kulturen religiöser Minderheiten Westasiens und Nordafrikas. Einen besonderen Schwerpunkt bilden seitdem die Sprach- und Kulturtraditionen der Aramäer/Assyrer, Drusen sowie weiterer religiöser Gemeinschaften Westasiens. Dabei verbindet das Institut klassische philologische Forschung mit moderner Sprachdokumentation, Feldforschung und digitalen Methoden.
Von besonderer Bedeutung ist die Dokumentation bedrohter Sprachen. Mit dem Projekt Surayt-Aramaic Online entstand eines der wichtigsten digitalen Angebote zur Vermittlung und Bewahrung des Turoyo (Surayt), einer heute gefährdeten neuaramäischen Sprache. Gleichzeitig wurden umfangreiche Sammlungen mündlicher Überlieferungen, Interviews und Sprachaufnahmen aufgebaut, die als wichtige Quellen für die Forschung und den Erhalt sprachlichen Kulturerbes dienen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des Instituts liegt in der Erforschung von Flucht, Vertreibung und kollektiver Erinnerung in Westasien. Internationale Aufmerksamkeit erlangte insbesondere die 2015 in Berlin veranstaltete Konferenz Sayfo 1915, die dem Genozid an den aramäischsprachigen Christen im Osmanischen Reich gewidmet war. Die Konferenz brachte Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen zusammen und trug wesentlich zur weiteren Erforschung dieser Ereignisse bei. In diesem Zusammenhang entstand auch eine Oral-History-Sammlung mit Zeitzeugenberichten in aramäischen Varietäten.
Die internationale Ausrichtung des Instituts zeigt sich auch in zahlreichen wissenschaftlichen Tagungen und Kooperationen. Zu den bedeutendsten Veranstaltungen der letzten Jahre zählen der 10. Deutsche Syrologentag (2018), die Sektion Semitic Studies des Deutschen Orientalistentages (DOT) 2022 an der Freien Universität Berlin, das 1. Internationale Tur-Abdin-Symposium (2023), die 5th Neo-Aramaic Language Conference (NALCON) im Jahr 2023 sowie die Konferenzen Language, History and Collective Memory – Syriac Studies Conference und Cutting-Edge Research in Semitic Dialectology: Bridging Theory and Practice im Jahr 2025. Diese Veranstaltungen brachten Forschende aus Europa, Nordamerika sowie aus Westasien, Nordafrika und weiteren Regionen zusammen und stärkten die Rolle Berlins als eines der wichtigsten Zentren semitistischer Forschung.
Parallel dazu wurde die Lehre konsequent internationalisiert. Das Institut bietet heute ein breites Spektrum an Sprach- und Lektürekursen an, das von Arabisch, Hebräisch und Aramäisch über Syrisch und Turoyo bis hin zu weiteren semitischen Sprachen reicht. Mit dem zum Wintersemester 2025–2026 eingerichteten internationalen Masterstudiengang Semitic Studies wurde ein vollständig englischsprachiges Studienangebot geschaffen, das Studierende aus zahlreichen Ländern anzieht und die internationale Vernetzung des Instituts weiter stärkt.
Ein besonderes Merkmal der Berliner Semitistik sind zudem die regelmäßig stattfindenden Forschungs- und Studienreisen. Sie ermöglichen Studierenden unmittelbare Einblicke in die sprachliche und kulturelle Vielfalt Westasiens und Nordafrikas und darüber hinaus. Zu den Zielorten gehörten in den letzten Jahren unter anderem die Türkei, Irakisch-Kurdistan, Iran, Ägypten und Südkorea. Ergänzt werden diese Aktivitäten durch zahlreiche Gastvorträge, Workshops und Kolloquien, die den Austausch mit internationalen Wissenschaftler*innen fördern.
Seit dem 1. Oktober 2023 ist Shabo Talay Dekan des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin.
Im Zuge der Übernahme des Dekanats durch Shabo Talay trat Maciej Klimiuk am 1. Oktober 2023 dem Institut für Semitistik bei. Klimiuk habilitierte sich 2023 an der Universität Heidelberg in zwei Fächern Semitistik und Arabistik. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der arabischen Dialektologie, insbesondere den Dialekten Syriens, Maltas und Nordafrikas, sowie in den Sprachtraditionen religiöser Minderheiten Westasiens und Nordafrikas. Erstmals wurden damit auch Forschungen zum Maltesischen und seinen regionalen Varietäten, insbesondere auf Gozo, sowie zu den arabischen Dialekten Nordafrikas im Forschungsprofil des Instituts verankert.
Die internationale Sichtbarkeit des Instituts zeigt sich auch in seinem Engagement im Bereich wissenschaftlicher Fachzeitschriften. Mit der Zeitschrift für Arabische Linguistik und Folia Orientalia werden zwei traditionsreiche und international anerkannte Publikationsorgane der Semitistik und Arabistik von Professoren des Instituts mit herausgegeben. Shabo Talay ist Mitherausgeber der Zeitschrift für Arabische Linguistik, während Maciej Klimiuk seit 2022 als Mitherausgeber von Folia Orientalia tätig ist. Dadurch ist das Institut nicht nur in Forschung und Lehre, sondern auch in der internationalen wissenschaftlichen Publikationslandschaft aktiv vertreten.
Eine wichtige Rolle in Forschung, Lehre und akademischer Selbstverwaltung kommt den wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen des Instituts zu. Zu ihnen zählen insbesondere Stefanie Rudolf, Simona Olivieri, Grace Park, Anna-Simona Barbara Üzel und Nikita Kuzin. Durch ihre Forschungsarbeiten, ihre Lehrtätigkeit sowie ihr Engagement in der akademischen Selbstverwaltung haben sie die Entwicklung des Instituts maßgeblich mitgestaltet und zur Kontinuität seiner wissenschaftlichen und didaktischen Arbeit beigetragen. Ebenso prägt der langjährige Aramäisch-Lektor Yousef Kouriyhe das Profil des Instituts durch die Vermittlung klassischer und moderner aramäischer Sprachformen sowie durch sein langjähriges Engagement in der Lehre.
In den vergangenen Jahren waren zahlreiche Wissenschaftler*innen mit dem Institut für Semitistik verbunden und haben dessen Forschungsprofil mitgeprägt. Zu ihnen zählen unter anderem Assaf Bar-Moshe, Soner Ö. Barthoma, Ophir Carmel Fofliger, Julia Furman, Fabio Gasparini, Wiktor Gębski, Simcha Gross, Zafer Youssef sowie weitere Gastwissenschaftler*innen aus dem In- und Ausland. Die Zusammensetzung des Teams spiegelt die internationale Ausrichtung des Instituts und die Vielfalt seiner Forschungsschwerpunkte wider.
Im Jahr 2025 wurde das bisherige Seminar für Semitistik und Arabistik in zwei eigenständige Institute aufgeteilt: das Institut für Semitistik und das Institut für Arabistik. Damit erhielt die Semitistik erstmals seit ihrer Gründung eine eigenständige institutionelle Struktur. Die enge wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Fächern blieb jedoch erhalten und wird insbesondere in Forschung, Lehre, internationalen Projekten und gemeinsamen Studienprogrammen fortgeführt.
Ein besonderes Merkmal der Berliner Semitistik besteht seit ihren Anfängen in der Verbindung philologischer Präzision mit dem Interesse an lebendigen Sprachtraditionen. Von den Arbeiten Eduard Sachaus über die arabischen Dialekte Martin Hartmanns und Georg Kampffmeyers bis hin zu den Forschungen Rudolf Macuchs, Rainer Voigts, Shabo Talays und der heutigen Generation von Wissenschaftler*innen zieht sich die Beschäftigung mit den gesprochenen semitischen Sprachen wie ein roter Faden durch die Geschichte des Faches in Berlin.
Heute verbindet das Institut für Semitistik die klassischen Kernbereiche des Faches mit innovativen Ansätzen der Sprachdokumentation, Dialektologie, Digital Humanities und Minderheitenforschung. Damit setzt es nicht nur die lange Tradition der Berliner Semitistik fort, sondern gehört zugleich zu den international sichtbarsten und forschungsstärksten Zentren semitistischer Forschung in Europa.
Diese Darstellung wurde zuletzt im Juni 2026 aktualisiert.





