Hieronymus Wolf

Hieronymus Wolf

1.1. Name, Tätigkeiten und Positionen

Hieronymus Wolf

[adlig]; Lehrer, Lateinschulleiter; Übersetzer und Hg. griech. Texte/Byzantinist; Bibliothekar; luth.; unverh.

1.2. Geburts- und Todesjahr und -ort

* 13. 08. 1516 Oettingen im Ries

† 08. 10. 1580 Augsburg

1.3. Herkunft, Lebensbeschreibung, Konfession

Vater adliger Herkunft [so zumindest von HW und seinem Bruder Heinrich behauptet], Amtmann von Oettingen, Landvogt des Gf. v. Oettingen, Mutter Katharina Dehlinger, bäuerl. Herkunft, die Eltern hatten 9 Kinder; in Nördlingen Unterricht im dt. Lesen und Schreiben; 1527-30 in Nürnberg bei Sebald Heyden Latein- und Griechisch-Unterricht, zugleich Unterricht im Ägidienkloster-Gymnasium; dann holte ihn der Vater von dort weg an den Oettingenschen Hof, dort Kanzleischreiber; 1535 erneut Studium in Nürnberg bei Sebald Heyden und am Ägidienkloster-Gymnasium, dann in Tübingen bei Joachim Camerarius; Anfang 1537 Abbruch des Studiums wg. Krankheit und Stellung beim Würzburger Fürstbf. als Schreiber; 1538 Univ. Wittenberg; Mitte 1539 Lehrer in Nürnberg; Anfang 1541 Schulgründer und Lehrer in Oettingen; Anfang 1543 Lehrer in Mühlhausen/Thür., diese Stelle verschaffte ihm Melanchthon; 1545 wieder Lehrer in Nürnberg; April 1547 verließ HW diese Stelle; 1547 in Nördlingen bei seiner Schwester Anna (1507-1574) − 1540 Äbtissin v. Zimmern, 1549 zurückgetreten − dann in Basel bei Oporinus, von dort nach Straßburg, wo er bei Sebald Hauenreuter wohnte und Isokrates und Demosthenes übersetzte, ferner Editionstätigkeit; Angebot einer Lehrerstelle an der Straßburger Akademie; April 1548-50 Unterricht für Augsburger Studenten in Basel, dann ein Jahr in Paris, daneben Übersetzungs- und Editionstätigkeit für Oporinus, hinter dem Anton Fugger als Kreditgeber stand; 1550/51 als Übersetzer im Haus des Augsburger Patrons Herwarth, kurz darauf statt dessen bei Hans Jakob Fugger als Verf. von dessen lat. Briefen und als Bibliothekar, bis 1556; 1557 Leiter des St. Anna-Gymnasiums in Augsburg und der Augsburger Stadtbibliothek; Matthias Schenck empfahl dem Rat, HW an die St. Anna-Schule zu holen; zahlreiche Editionen und lat. Übersetzungen griechischer Autoren, v. a. Isokrates, Demosthenes, Epiktet; etliche seiner byzantinischen Übersetzungen wurden von Anton und danach Johann Jakob Fugger finanziert, durch Pauschal- oder Seitenhonorar an HW als Übersetzer und durch Druckkostenvorschuß an den Verleger Oporinus − d. h. die Fugger waren Patrone für Wolf und Oporinus zugleich; Lukas Geizkofler besuchte 1563-ca. 1570 St. Anna und ging ca. 1570 mit einem Empfehlungsbrief HWs nach Straßburg; enge Beziehungen zum Welser-Netzwerk, v. a. zu dessen prot. Teil, Mitwirkung 1582 an der Gründung des Kollegiums bei St. Anna als prot. Pendant zum gleichzeitig gegr. Jesuiten-Kollegium und -Gymnasium; Bestattung im Erbbegräbnis seiner Gönner, der Familie Haintzel, im Kreuzgang von St. Anna

1.4. Literatur zur Person

ADB 43 (1898), 755-757 (G. Mezger); Augsburger Stadtlexikon. Geschichte, Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft. Hg. v. Wolfram Baer u. a. Augsburg 1985, 416 ([Paul Berthold] Rupp) (s. neue Lit.); Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben 9 (1966) 169-193 (Hans-Georg Beck) (s. Lit.); Otto Hartig, Die Gründung der Münchener Hofbibliothek durch Albrecht V. und Johann Jakob Fugger. (= Abhandlungen der Koeniglich Bayerischen Akademie der Wissenschaften: Philos.-Philolog. u. Histor. Klasse 28,3). München 1917 (darin reiche Dokumentation der H. J. Fuggerschen Bibliothek und HWs Tätigkeit darin); Karl Köberlin, Geschichte des Humanistischen Gymnasiums bei St. Anna in Augsburg von 1531 bis 1931. Zur 400-Jahrfeier der Anstalt. Augsburg 1931, 51-105 (s. Lit.); Fritz Husner, Die Editio princeps des Corpus Historiae Byzantinae. Johannes Oporinus, Hieronymus Wolf und die Fugger. In: FS für Karl Schwarber. Basel 1949, 143-162; Paul Lehmann, Eine Geschichte der alten Fugger-Bibliotheken. 2 Bde. (= Studien zur Fuggergeschichte 12 u. 15) (= Schwäbische Forschungsgemeinschaft bei der Kommission für Bayerische Landesgeschichte: Reihe 4, 3 u. 5). Tübingen 1956, 1960. Bd. 1, 29; Hans-Georg Beck, Die byzantinischen Studien in Deutschland vor Karl Krumbacher. In: Hans-Georg Beck (Hg.), Chalikes: Festgabe für die Teilnehmer am XI. Internationalen Byzantinistenkongreß, München, 15.-20. September 1958. Freising 1958, 61-120, v. a. 74-77; Richard Schmidbauer, Die Augsburger Stadtbibliothekare durch vier Jahrhunderte: 1537-1952. (= Abhandlungen zur Geschichte der Stadt Augsburg 10). Augsburg 1963, 55-75 (s. Lit.); Wolfgang Zorn, Die soziale Stellung der Humanisten in Nürnberg und Augsburg. In: Otto Herding/Robert Stupperich (Hgg.), Die Humanisten in ihrer sozialen und politischen Umwelt. (= Mitteilungen der Komm f Humanismusforschung der DFG 3). Boppard 1976, 35-49: 41 und Anm. 17; Josef Bellot, „Ad insigne pinus“. Kulturgeschichte der Reichsstadt Augsburg im Spiegel eines Verlages an der Wende des 16./17. Jahrhunderts. In: Buchhandelsgeschichte 14 (= Beilage zum Börsenblatt für den dt. Buchhandel 36, 1978) B 697-B 709: B 698; ders., Die literarisch-philologische Tätigkeit der ersten Rektoren bei St. Anna und der Humanismus in Augsburg. In: 1531-1981. 450 Jahre Gymnasium bei St. Anna in Augsburg. Augsburg 1981, 33-46; Manfred Linsbauer, Lukas Geizkofler und seine Selbstbiographie. In: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum 60 (1980) 35-84: 35. 45. 49. 50f. 53. 68. 70. 81; Siegfried Spring, Hieronymus Wolf. Ein Gelehrtenleben des 16. Jahrhunderts. In: Nachrichtenblatt der Societas Annensis 1982-1985; ders., Werkverzeichnis Hieronymus Wolf. In: ebd. 1985; Helmut Zäh, Ein Gelehrter und Pädagoge von europäischem Format: Hieronymus Wolf, Rektor 1557-1580. In: Eine Augsburger Schule im Wandel der Zeit. Das Gymnasium bei St. Anna; Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung vom 8.11.2000-7.12.2000. Hg. v. Gymnasium bei St. Anna. Augsburg 2000, 31-40; Dieter Harlfinger/Reinhard Barm (Hgg.), [Kat.] Graecogermania. Griechischstudien deutscher Humanisten. Die Editionstätigkeit der Griechen in der italienischen Renaissance (1469-1523). Ausstellung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel 22.4.-9.7.1989 (= Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 59). Weinheim/New York 1989, 182. Nr. 98 (Isokrates, 1570). Nr. 99 (Demosthenes und Aischines, 1572). 352f. (Byzantinistik). Nr. 179 (in Xylanders Ausgabe des Ps.-Michael Psellos ein Gedicht auf HWs Zonaras-Ed., 1556). Nr. 180 (Nikephoros Gregoras, 1562); Porträt HWs: gemalt von Abraham del Hel (1534-1598). In: Bruno Bushart (Hg.), [Kat.] Welt im Umbruch. Augsburg zwischen Renaissance und Barock. Ausstellung der Stadt Augsburg in Zusammenarbeit mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern anlässlich des 450. Jubiläums der Confessio Augustana unter dem Patronat des International Council of Museums (ICOM), vom 28. Juni bis 28. September 1980. Bd. I: Zeughaus. Augsburg 1980, 332; Katarina Sieh-Burens, Oligarchie, Konfession und Politik im 16. Jahrhundert. Zur sozialen Verflechtung der Augsburger Bürgermeister und Stadtpfleger 1518-1618. (= Schriften der Philos Fakultäten der Univ Augsburg, Hist.-sozialwissenschaftliche Reihe, 29). München 1986, 171 + Anm. 372 (Mitglied des Fugger-Netzwerkes, als Angestellter). 178 + Anm. 437, 438 (über pers. Beziehungen enge Kontakte zum Welser-Netz: wohnte auf Empfehlung seines Vorgängers Sixt Birk im Rektorat, zeitweise im Haus des Bürgermeisters Joh. Baptist Haintzel, 1552, 1556 und 1557 stellte er sich als Pate für dessen Kinder zur Verfügung). 190 + Anm. 565 (in wiss. Fragen enger Kontakt mit dem späteren Stadtpfleger Marx Welser, der selbst kath., aber konfessionell aufgeschlossen war). 201 + Anm. 699 (als Reaktion auf die Gründung des Augsburger Jesuiten-Kollegiums und Gymnasiums 1582 [das Koll. zur Förderung mittelloser Schüler gleich welcher konf. Herkunft] wurde von prot. Seite das Kollegium bei St. Anna gegründet, HW war neben dem Prädikanten Georg Mylius [ehem. Schüler HWs und Stipendiat der Stadt] sowie den Kirchenpflegern Hans Heinrich Haintzel, Joh. Matthäus Stamler, Adam Rem sowie seinem Rektorskollegen Georg Henisch unter den maßgebl. Initiatoren − damit bewegte sich HW pol. im prot. Teil des Welser-Netzes, während das Fugger-Netz die jesuitischen Bildungsinstitutionen unterstützte)

Autobiogr. Quellen: Felix Platter, Tagebuch ed. Lötscher 128. 258; Ph. Ed. Fugger, Tagebuch ed. B. Bastl 362 + Anm. 403 (HW erstellt 1569 ein Horoskop für Lucas Geizkofler). Anm. 404. 405; Lukas Geizkofler, Autobiographie ed. A. Wolf 26f.

2.1. Quelle: benutzte Edition

Helmut Zäh (Hg.), Die Autobiographie des Hieronymus Wolf (Hieronymus Wolf − Commentariolus de vita sua). Donauwörth 1998, 1-122 [Mikrofilm]

2.2. Beschreibung der Edition, Bemerkungen

vollst., krit. Ed., ersetzt alle früheren

2.3. Literatur zur Quelle bzw. Edition

J. K. Höck, Antwort auf die Anfrage in den Literarischen Blättern 4, Sp. 336, Hieronymus Wolffs Autobiographie betreffend. In: Literarische Blätter 5 (1805), 365-366 (Schottenloher (1932ff.) 22764); Lebensbilder (Beck) (s.o. 1.4) 190. 192; Hans Rudolf Velten, Das selbst geschriebene Leben. Eine Studie zur dt. Autobiographie im 16. Jahrhundert. (= Frankfurter Beiträge zur Germanistik 29). Heidelberg 1995, 94-102; Zäh ed. (s.o. 2.1.) 124-273 (Komm.). 277-293 (Nachwort); Vera Jung, Die Leiden des Hieronymus Wolf. Krankengeschichten eines Gelehrten im 16. Jahrhundert. In: Historisches Archiv 9 (2001) 333-357; Gadi Algazi, Food for Thought: Hieronymus Wolf Grapples with the Scholarly Habitus. In: Rudolf Dekker (ed.), Egodocuments and History. Autobiographical Writing in its Social Context since the Middle Ages. (= Publicaties van de Faculteit der Historische en Kunstwetenschappen, Maatschappijgeschiedenis, 38). Hilversum 2002, 21-43; Jancke (2002) 137-139 (Patronage)

2.4. weitere Editionen; Auszüge, Übersetzungen

Hieronymi Wolfii, Oettingensis Rhaeti, ad clarissimum virum, optimeque et de se et de rep. literarum meritum Io. Oporinum, Basileensem, commentariolus, coeptus quidem scribi Anno 1564. sed aliquot annis postmodum absolutus, de vitae suae ratione ac potius fortuna. In: Oratorum graecorum volumen octavum cur. Io. Iacobus Reiske. Lips. 1773, 772-876 (Wilhelm Erman/Ewald Horn [Hgg.], Bibliographie der dt. Universitäten. Systematisch geordnetes Verz. der bis Ende 1899 gedruckten Bücher und Aufsätze über das dt. Universitätswesen, erster u. allgemeiner Teil. Leipzig/Berlin 1904, 46, Nr. 850; Ed. „sehr fehlerhaft“: Passow ed. [s.u.] 342); dt. Übers. (vollst., ohne Kommentierung): Ludwig Gotthard Kosegarten, Rhapsodien 3. Leipzig 1801, 137-286; Auszug (mehr Nacherzählung als Übersetzung): Franz Passow, Erinnerungen an ausgezeichnete Philologen des 16ten Jahrhunderts. 1. Hieronymus Wolfs Jugendleben 1516 bis 1536. In: Hist Taschenbuch. Hg. v. Friedrich v. Raumer. 1 (1830) 339-389 (Erman-Horn 851); vollst. dt. Übers.: Der Vater der deutschen Byzantinistik, das Leben des Hieronymus Wolf von ihm selbst erzählt. Hg. v. Hans-Georg Beck. (= Miscellanea Byzantina Monacensia H. 29). München 1984 (Übers. soll HWs lässigen lat. Ton treffen und die unkomm. 1. dt. Übers. der Autobiographie durch Kosegarten ersetzen; an 2 Stellen Auslassungen angemerkt: astrol. Reflexion zu seiner Geburt, Gedicht über den Adel seiner väterl. Vorfahren)

3.1. Abfassungszeit

ab 1564-1568 oder kurz danach, abgeschlossen frühestens 1570; Lebensalter zur Abfassungszeit = Wendepunkt (Vorrede)

3.2. AdressatInnen

explizit: Oporin, der die meisten Editionen HWs druckte, als Adressat der Widmung und der ganzen Schrift; implizit: daneben die ganze Welt der Wissenschaft/Republik des Geistes, die von Wolf durch Oporins Empfehlung und Autorität weiß; junge Leute (Beck übers. [s.o. 2.4.] 17f. 21. 35. 84)

3.3. Funktion der Quelle

Verleumdungen, die evt. jemand in die Welt setzen könnte, etwas entgegenstellen (Oporin); Werdegang eines (Geistes-)Wissenschaftlers zeigen, alles andere nur nebenbei; wiss. Arbeiten nennen (Beck übers. [s.o. 2.4.] 88); mit einer Rezeption seiner Autobiographie als Vorbild für andere rechnet HW nicht

3.4. Medium (hsl.; gedr.); Überlieferung; Ort der Hs.

hsl.; Abschrift eines ungelehrten Schreibers; an Reiske ed. (s.o. 2.4.) übergeben durch Brucker

4.1. Berichtszeitraum

biograph. Skizze des Vaters/eigene Geburt 1516-1570

4.2. Sprache

lat. mit griech. Zitaten

4.3. Form der Quelle

Ich-Form, Brief, eingestreut eigene lat. Gedichte; Titel: „Hieronymi Wolfii, Oettingensis Rhaeti, ad clarissimum virum, optimeque et de se et de rep. literarum meritum Io. Oporinum, Basileensem, commentariolus, coeptus quidem scribi Anno 1564. sed aliquot annis postmodum absolutus, de vitae suae ratione ac potius fortuna“; Vorbild: Autobiographie des Libanius, Anregung durch Oporinus 1547; weitere Vorbilder: Diogenes Laertius, Sueton, Eunapius, Philostratus, Dionysius von Halikarnassos; Neg.-Vorbilder: Biographien sog. „großer“ Männer, z. B. Pyrrhus, Hannibal, Alexander (dazu Jozef Ijsewijn, Die humanistische Biographie. In: Biographie und Autobiographie in der Renaissance. Arbeitsgespräch in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel vom 1. bis 3. November 1982. Vorträge hg. v. August Buck. (= Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung 4). Wiesbaden 1983, 1-20: 5 + Anm. 19: so schon bei Petrarca zusammen genannt − sozialer Rahmen: res publica literaria −, dort zusätzlich Scipio)

4.4. Inhalt

Studien, Patrone, Stellen, Verfolgungen, Übersetzungen und Editionen; Krankheiten, Bedrohungen, Fehlschläge

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