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Martin Borrhaus

Martin Borrhaus

1.1. Name, Tätigkeiten und Positionen

Martin Borrhaus [Martin Cellarius, Martin Burress]

Theologe, Wanderprediger, Glaser, Alchimist, Prof. f. Rhetorik und Altes Testament; prot. zw. täuferisch und ref., kirchenkrit. theologische Positionen; verh.

1.2. Geburts- und Todesjahr und -ort

* 1499 Stuttgart

† 11. 10. 1564 Basel

1.3. Herkunft, Lebensbeschreibung, Konfession

Adoptivsohn seines Verwandten Simon Cellarius, hzl. Rates; 1512 Studium in Tübingen, seitdem mit Melanchthon befreundet; 1515 Mag.; 1520-21 (o. 1519-1521) Studium in Ingolstadt bei Reuchlin und Eck, Streit mit Eck, dann in Wittenberg, dort Anhänger v.a. der Zwickauer Propheten, nur zeitweise Luthers; trotz seines Widerspruchs gg. die Kindertaufe ist er nicht den Täufern zuzurechnen; ab 1522 als täuferischer Werber in Stuttgart, Schweiz, Österreich, Polen, Preußen; 1525 Gefangenschaft in Preußen, Freilassung unter der Bedingung, nach Wittenberg zu gehen und sich dort einem Gespräch mit Luther zu stellen; Luther lud ihn ein zu bleiben, aber MB siedelte nach Süddeutschland über; in Basel heiratete er die Wwe. Uttenheim (+ 1536); ab 1527 lebte er in Straßburg und auf Besitz seiner Ehefrau im Unterelsass, zwei Jahre nach deren Tod erneute Heirat; in Straßburg stand er zeitweilig Capito nahe; nach Bemühungen Zwinglis und Ökolampads gelang es schließlich Bucer, die Freundschaft zw. MB und Capito zu zerstören, woraufhin MB Straßburg verließ; 1536 in Basel, dort arbeitete er sich v. Glaser zum Prof. (1541 f. Rhetorik, 1544 [o. 1546] in der Nachfolge A. Bodensteins f. Altes Testament) empor, dreimal Rektor der Univ.; gg. Kindertaufe und Verkirchlichung der Reformation, f. individuelle Laienfrömmigkeit und Toleranz, vertrat die besondere Gottheit f. Jesus, verneinte die ewige Gottessohnschaft Christi und vertrat einen sakramententheologischen Symbolismus (sein Hauptwerk: De operibus Dei, Straßburg 1527); exegetische Werke, Mitarbeit an der Streitschrift des M. Bellius gg. Calvin; theologische, philos., math., kosmographische Schriften

1.4. Literatur zur Person

ADB 3 (1876) 179 (J. Hartmann); NDB 2 (1955) 474 (Eberhard Teufel); PRE3 3 (1897) 332f. (Carl Albrecht Bernoulli); Christian Hege/Christian Neff (Hgg.), Mennonitisches Lexikon 1. Frankfurt, M. 1913, 336-338 (sv Cellarius) (Christian Neff); Harold S. Bender (ed.), Mennonite Encyclopedia. A comprehensive reference work on the Anabaptist-Mennonite movement 1. Hillsboro 1955, 538f. (sv Cellarius) (Christian Neff) [Übers. des dt. Art.]; LThK22 (1958) 611 (Erwin Iserloh); LThK3 2 (1994) 598 (Peter Walter); RGG3 1 (1957) 1367f. (Walther Koehler [E. Crous]); EncR 1 (1996) 202f. (Abraham Friesen); BBKL 1 (1990) 707f. (Friedrich Wilhelm Bautz); de Boor/Newald IV,2 (1973) 85; Bibliotheca Dissidentium. Répertoire des non-conformistes religieux des seizième et dix-septième siècles. Édité par André Séguenny. Vol. 2: Martin Borrhaus (Cellarius), par Irena Backus. Baden-Baden 1981; Friedrich Samuel Bock, Historia Antitrinitariorum, maxime Socinianismi et Socinianorum quorum Auctores Promotores, Coetus, Templa. Bd. 1, Teil 1. Regensburg/Leipzig 1774, 67-71; Camille Gerbert, Gesch. der Straßburger Sektenbewegung zur Zeit der Reformation 1524 bis 1534. Straßburg 1889; Bernhard Riggenbach, Martin Borrhaus (Cellarius), ein Sonderling. In: Basler Jb 4 (1900) 47-84; Abraham Hulshof, Geschiedenis van de Doopsgezinde te Straatsburg van 1525-1557. Amsterdam 1905; Martin Lackner, Geistfrömmigkeit und Enderwartung. Studien zum preußischen und schlesischen Spiritualismus dargestellt an Christoph Barthut und Quirin Kuhlmann. (= Beiheft zum Jb „Kirche im Osten“ 1). Stuttgart 1959, 12; Abraham Friesen, Martin Cellarius. In der Grauzone der Ketzerei. In: Hans-Jürgen Goertz (Hg.), Radikale Reformatoren. 21 biographische Skizzen von Thomas Müntzer bis Paracelsus. München 1978, 210-222; R. L. Williams, Martin Cellarius and the Reformation in Strasbourg. In: Journal of Ecclesiastical History 32,4 (1981) 477-497; Abraham Friesen, Martin Borrhaus. On the Border of Heresy. In: Walter Klaasen (ed.), Profiles of Radical Reformers. Scottdale, Pennsylvania 1982, 234-246; Arno Seifert, Reformation und Chiliasmus. Die Rolle des Martin Borrhaus-Cellarius. In: ARG 77 (1986) 226-264; Peter G. Bietenholz/Thomas B. Deutscher (eds.), Contemporaries of Erasmus. A Biographical Register of the Renaissance and Reformation. 3 vols. Toronto/Buffalo/London 1985, 1986, 1987. Vol. 1 (1985) 174 (sv Borus); Lucia Felici, Tra riforma ed eresia: La giovinezza di Martin Borrhaus (1499-1528). (= Studi e Testi per la storia religiosa del cinquecento 6). Florenz 1995; Ueli Dill: Das Legat von Martin Borrhaus. In: Lorenz Heiligensetzer/Isabel Trueb/Martin Möhle/Ueli Dill (Hgg.), „Treffenliche schöne Biecher“. Hans Ungnads Büchergeschenk und die Universitätsbibliothek Basel im 16. Jahrhundert (mit einem Ausblick auf spätere Geschenke). Kat. zur Ausstellung der UB Basel, 27. August-5. November 2005. Basel 2005, 135f.

Autobiogr. Quellen: Bullinger, Diarium ed. Egli 51; Felix Platter, Tagebuch ed. Lötscher 92; Hieronymus Wolf, Autobiographie ed. u. übers. H.-G. Beck (1984) 71 (MB bemüht sich in Basel um eine Besoldung f. HW)

2.1. Quelle: benutzte Edition

(1) Illvstrissimo VVirtenbergensivm Principi Hvldricho, Martinus Borrhaus S. D. [= Widmungsvorrede]. In: Martini Borrhai Stvtgardiani, De Censura ueri & falsi, Libri tres. De pronunciato liber unus, ex Aristotelis περι ερμηνειας libro. De syllogismo libri duo, ex Aristotelis των αναλυτικων προτορων libris. Basel: Leonhard Hospinianus, Sept. 1541, a2r-a4v

(2) L’Autobiografia (Basilea, 1559). In: Lucia Felici: Tra riforma ed eresia: La giovinezza di Martin Borrhaus (1499-1528). (= Studi e Testi per la storia religiosa del cinquecento 6). Florenz 1995, 295-305

2.2. Beschreibung der Edition, Bemerkungen

(1) -

(2) erstmals und vollst. abgedruckt, mit inhaltl. Erläuterungen, Ort der Hs. angegeben

2.3. Literatur zur Quelle bzw. Edition

(1) Schottenloher (1953) 43f. (= Nr. 83, Inhaltsangabe). 211

2.4. weitere Editionen; Auszüge, Übersetzungen

(2) Auszug: Narratio Martini Borrhai vitae Anno M.D.LIX Basileae. In: Manfred Krebs/Hans Georg Rott (Hgg.), Quellen zur Gesch. der Täufer. Bd. 7: Elsaß, 1. Teil. (= Quellen und Forschungen zur Reformationsgesch 26). Gütersloh 1959, 58 Anm. 1 (Auszug aus der 1559 geschriebenen Autobiographie, eigenh. Orig.: Universitätsbilbliothek Basel A λ II 22; Hinweis bei Gadi Algazi: Scholars in Households: Refiguring the Learned Habitus, 1480-1550. In: Science in Context 16 (2003) 9-42: 20 n 33)

3.1. Abfassungszeit

(1) Kal. des Sept. 1541

(2) 1559

3.2. AdressatInnen

(1) Hz. Ulrich v. Württ., sein Landesherr; indirekt: Käufer/Leser des Buches − humanist. Gelehrte

(2) keine genannt

3.3. Funktion der Quelle

(1) sich selbst als Landeskind zeigen, um die Widmung besser zu begründen und ihr mehr Nachdruck zu verleihen − allgemeine Vaterlandsliebe; sich um die Herrschaft des Adressaten verdient machen, der in autobiogr. Form auf seine Verantwortung f. Bildungsmöglichkeiten angesprochen und dem dabei auch die Notwendigkeit eines Buches wie des vorgelegten im Rahmen eines qualifizierten Literatur- und Rhetorikunterrichtes erläutert wird

(2) nicht ausdrückl. genannt; offenbar ging es ihm darum, sich als Gelehrter und als jedem theol. Streit abhold darzustellen, d.h. sein Engagement für täuferische und spiritualistische Sichtweisen in den Hintergrund zu rücken

3.4. Medium (hsl.; gedr.); Überlieferung; Ort der Hs.

(1) gedr. nach Absicht des Autors

(2) hsl., eigenh. Orig.: Basel Univ. Bibliothek, A λ II 22

4.1. Berichtszeitraum

(1) Schul- und Studienzeit in Stuttgart

(2) Geburt-Gegenwart

4.2. Sprache

(1) lat. mit griech. Wörtern und Zitaten

(2) lat.

4.3. Form der Quelle

(1) Ich-Form, Widmungsvorrede zu seinen Aristoteles-Kommentaren; zunächst autobiogr. Einl., in der auch der Stellenwert eines Buches wie des vorgelegten im Bildungssystem erläutert wird (a2rf.), dann Übergang zu den in den komm. Schriften behandelten inhaltl. Problemen (a3r-a4v)

(2) Er-Form, Titel: „Narratio de Martini Borrhai vita“, am Schluss Werkliste

4.4. Inhalt

(1) Lehrer, Konzept f. Literatur- und Rhetorikunterricht

(2) konzentriert sich auf seine gelehrte Erziehung, Ausbildung an Universitäten und seinen eigenen gelehrten Fleiß; präsentiert sein Leben als erfolgreiche Gelehrtenbiographie: ehrbare Geburt, gelehrte Ausbildung, Studium in Tübingen, Ingolstadt und Wittenberg; Reisen nach Österreich, Krakau, Polen, Danzig, Königsberg; dort Verleumdung, Gespräch mit dem Kf. v. Brandenburg und Aufnahme bei Hof, Unterstützung für erste eigene gelehrte Werke; in Wittenberg Kolloquium mit Luther und Einladung, dort zu bleiben; Rückkehr nach Württemberg, Heirat und zurückgezogenes Studium, Tod der 1. Frau und Umzug nach Basel, um dort mit anderen Gelehrten zu leben; auf deren Rat erneute Heirat, Professur an der Universität: erst für Rhetorik, dann für Theologie; erwähnt seinen Dissens mit Luther wegen der Zwickauer Propheten 1522 sowie seine „Verleumder“ 1525 in Königsberg und seine Thesen, die er 1526 mit Luther diskutierte (darin u.a. auch eine zur Kindertaufe), sonst aber keine theol. Konflikte (z.B. nicht den Streit in Straßburg, ebenso wenig seine eigenen Verbindungen mit den Zwickauer Propheten oder Täufern), auch nicht seine Anfänge in Basel als Glaser; er betont, dass er friedfertig sei und alle theologischen Wortgefechte gemieden habe wie die Pest (was nicht zutrifft); am Schluss nennt er seine gelehrten Werke

 

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