Vortrag von Julia Schönicke "Recycelte Ruinen im Neolithikum und Anthropozän: Das UNESCO-Welterbe Göbekli Tepe zwischen Verlassen, Wiederverwendung und Transformation "
Im Rahmen des gemeinsamen Forschungskolloquiums der Institute für Altorientalistik und Vorderasiatische Archäologie im Sommersemester 2026 in Kooperation mit dem Institut für Prähistorische Archäologie laden wir alle Studierenden, Kolleg*innen und Interessierten herzlich ein zum Vortrag von Julia Schönicke (Deutsches Archäologisches Institut / Universität Zürich / Universität Bern) zum Thema Recycelte Ruinen im Neolithikum und Anthropozän: Das UNESCO-Welterbe Göbekli Tepe zwischen Verlassen, Wiederverwendung und Transformation.
Abstract
Die Erforschung der akeramischen Fundorte Nordmesopotamiens ist zentral für das Verständnis der Neolithisierung in Westasien. Durch die aktuellen Untersuchungen der Taş Tepeler (dt. „Steinhügel“) in der Südosttürkei sind im archäologischen Diskurs insbesondere Fragen zu neolithischen Netzwerken und sozialer Organisation präsent. Für das UNESCO-Welterbe Göbekli Tepe wurde lange angenommen, dass es sich um einen rituellen Zentralort ohne Wohnfunktion handelt, an dem sich die neolithischen Gemeinschaften für groß angelegte Bauprojekte und Festlichkeiten versammeln. Internationale Bekanntheit erlangten die monumentalen Sondergebäude mit ihren monolithischen Pfeilern, deren „Ende“ als rituelle Verfüllung (sog. „Gebäudebestattung“) interpretiert wurde. Jüngere Forschungen am Ort haben dieses Bild mittlerweile revidiert, da für die neolithischen Horizonte wiederkehrende Zerstörungsereignisse durch Hangrutsch rekonstruiert werden können.
Dieser Vortrag beleuchtet die Biografie Göbekli Tepes mit dem Konzept der „Ruineninteraktionen“, welches die Wechselwirkungen zwischen menschlichen/nicht-menschlichen Akteur*innen und Ruinen umfasst. Im Gegensatz zu den oft sterilen archäologischen Rekonstruktionen werden aufgelassene Strukturen hier als Teil des neolithischen Siedlungslayouts verstanden. Das Verlassen von Wohn- und Sondergebäuden, die vielfältigen (Nach-)Nutzungen von Ruinen und die systematische Wiederverwendung von neolithischen Baumaterialien werden als dynamische neolithische Kulturtechniken interpretiert und – im Vergleich zu weiteren Taş Tepeler – als mögliches weiteres Charakteristikum der nordmesopotamischen Netzwerke. Doch die Ruineninteraktionen in Göbekli Tepe enden nicht mit dem Neolithikum, sondern setzen sich heute, im Anthropozän, durch landwirtschaftliche Aktivitäten, archäologische Arbeiten und Tourismus weiter fort. Dies wird als eigenständiges Ereignis in der Biografie des Fundplatzes verstanden: der „Anthropozän-Horizont“. Im Gegensatz zu den Aspekten von Kontinuität und Transformation, die für neolithische Ruineninteraktionen prägend waren, stehen heute vor allem Konservierung und Kommodifizierung im Vordergrund. Die Dokumentation dieser Entwicklungen zielt darauf ab, die Auswirkungen archäologischer Ausgrabungen auf Fundstätten sichtbar zu machen und kritisch zu hinterfragen, da die Materialität der Gegenwart die Archäologie der Zukunft formt.
Zeit & Ort
23.04.2026 | 16:15 c.t.
Raum 0.2052 (Holzlaube)
Fabeckstr. 23-25
14195 Berlin


