Studienreise in die Südosttürkei
News vom 30.06.2026
Im Zeitraum vom 15. bis 25. Mai 2026 führte das Institut für Semitistik der Freien Universität Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Shabo Talay und Prof. Dr. Maciej Klimiuk eine elftägige Studienreise in die Südosttürkei durch. An der Exkursion nahmen Studierende der Studiengänge Semitistik, Semitic Studies, Arabistik sowie Doktorand*innen teil. Ziel der Reise war es, den Studierenden einen vertieften Einblick in die sprachliche, religiöse und kulturelle Vielfalt einer Region zu ermöglichen, die seit Jahrhunderten von der Begegnung unterschiedlicher Gemeinschaften geprägt ist.
Der Schwerpunkt der Studienreise lag auf dem Tur Abdin und den angrenzenden Regionen des oberen Tigris. Diese Gebiete stellen einen einzigartigen Raum dar, in dem arabische, aramäische, kurdische und türkische Sprach- und Kulturtraditionen bis heute aufeinandertreffen. Die Exkursion war inhaltlich eng mit den Lehrveranstaltungen des Instituts verbunden und ermöglichte es den Studierenden, theoretische Kenntnisse aus den Bereichen Semitistik, Dialektologie, Religionsgeschichte und Kulturwissenschaft unmittelbar vor Ort zu anzuwenden und durch eigene Beobachtungen zu erweitern.
Die Reise begann in Diyarbakır, einer Stadt mit einer langen multireligiösen und multikulturellen Geschichte. Bei der Besichtigung der Altstadt, ihrer Kirchen und der Großen Moschee erhielten die Teilnehmenden einen ersten Eindruck von den historischen Beziehungen zwischen christlichen und muslimischen Gemeinschaften in der Region.
Im weiteren Verlauf der Reise standen zahlreiche Orte im Tur Abdin auf dem Programm. Besuche der Klöster Mor Gabriel, Mor Awgin, Mor Malke und Dayro d’Kurkmo (Deyrulzafaran) ermöglichten den Studierenden einen direkten Zugang zu den religiösen Traditionen des syrisch-orthodoxen Christentums. Gespräche mit Geistlichen, Bischöfen, Mönchen und Gemeindemitgliedern vermittelten Einblicke in die gegenwärtige Situation der christlichen Minderheiten in der Region. Gleichzeitig boten Bibliotheken und Inschriftensammlungen der Klöster die Möglichkeit, syrisch-aramäische und arabische Handschriften sowie historische Schriftzeugnisse zu untersuchen.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf sprachwissenschaftlichen Beobachtungen. Die Teilnehmenden besuchten Dörfer und Städte, in denen unterschiedliche arabische und aramäische Dialekte gesprochen werden. In Hasankeyf, İdil, Cizre sowie in verschiedenen Dörfern des Tur Abdin wurden Gespräche mit lokalen Bewohner*innen geführt. Dabei konnten die Studierenden die sprachliche Vielfalt der Region unmittelbar erleben und die in den Lehrveranstaltungen behandelten dialektologischen Methoden praktisch anwenden. Von besonderem Interesse waren die Kontakte zwischen Anatolisch-Arabisch, verschiedenen neuaramäischen Varietäten, Kurdisch und Türkisch sowie die Auswirkungen von Migration und gesellschaftlichem Wandel auf den Sprachgebrauch.
Einen anschaulichen Einblick in die Bedeutung von Migration für die Region bot zudem das Treffen mit der Bürgermeisterin von Azex, die als Jugendliche mit ihrer Familie in die Schweiz auswanderte, später in ihre Heimat zurückkehrte und dort eine politische Laufbahn einschlug.
Neben sprachwissenschaftlichen Fragestellungen spielte auch die historische Dimension der Region eine zentrale Rolle. Die Exkursion führte zu bedeutenden Stätten wie Nusaybin (dem antiken Nisibis), Dara, Mardin, Göbeklitepe und Şanlıurfa. An diesen Orten konnten die Studierenden verschiedene Epochen der Geschichte Westasiens nachvollziehen – von der Jungsteinzeit über die Antike und Spätantike bis in die Gegenwart. Besonders die Besichtigung der Ausgrabungsstätten von Dara und Göbeklitepe verdeutlichte die lange kulturelle Kontinuität der Region und ihre Bedeutung für die Geschichte religiöser Traditionen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Studienreise war die Begegnung mit lokalen Gemeinschaften. Gespräche mit Angehörigen syrisch-christlicher, arabischer und kurdischer Bevölkerungsgruppen ermöglichten den Studierenden einen differenzierten Blick auf Fragen von Identität, Mehrsprachigkeit und kulturellem Erbe. Dadurch wurde deutlich, wie eng Sprache, Religion und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verbunden sind. Viele Teilnehmende hoben hervor, dass gerade diese persönlichen Begegnungen zu den eindrucksvollsten Erfahrungen der Exkursion gehörten.
Die Studienreise erfüllte ihre akademischen und didaktischen Ziele in hohem Maße. Die Studierenden konnten ihre Kenntnisse der semitischen Sprachen und Kulturen erweitern, Methoden der Feldbeobachtung praktisch erproben und ein vertieftes Verständnis für die historischen und gegenwärtigen Dynamiken einer kulturell und sprachlich vielfältigen Region gewinnen. Gleichzeitig förderte die Exkursion interkulturelle Kompetenzen sowie die Fähigkeit, sprachliche und kulturelle Vielfalt wissenschaftlich zu analysieren und kritisch zu reflektieren.
Insgesamt stellte die Reise einen wichtigen Bestandteil der Ausbildung am Institut für Semitistik dar. Die unmittelbare Begegnung mit den Menschen, Sprachen und kulturellen Traditionen der Südosttürkei ermöglichte Erfahrungen, die im universitären Unterricht allein nicht vermittelt werden können. Die Exkursion leistete damit einen wesentlichen Beitrag zur Verbindung von Forschung, Lehre und internationalem Austausch.
15. Juni 2026
Maciej Klimiuk und Shabo Talay



