Die Ästhetiken des Sakralen und die Sakralität des Ästhetischen in künstlerischen Darstellungen des Heiligen zwischen Christentum, Hinduismus und Islam

Institution:

FOR 'Transkulturelle Verhandlungsräume von Kunst'
Charisma des Fremden. Ästhetiken religiöser Transferprozesse in Mittelalter und Früher Neuzeit

Mitarbeiter/innen:
Förderung:

DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft)

Projektlaufzeit:
01.04.2014 — 31.03.2017

Das Unterprojekt 2 untersucht künstlerische Darstellungen des Sakralen in den Aushandlungsprozessen der katholischen Mission in Indien im 16. und 17. Jahrhundert. Analysiert werden sowohl die Appropriationen christlich-europäischer Bildformen und -medien am ethnisch und religiös vielfältigen Hof der sunnitischen Mogulkaiser als auch, mit Blick auf die südindischen Missionsniederlassungen, die Bedeutung hinduistischer Riten und Darstellungstraditionen für die dortige Produktion christlicher Artefakte. Ziel ist es, die gerade in Aushandlungssituationen sichtbar werdenden kulturellen Eigenheiten und Gemeinsamkeiten der visuellen Felder des Religiösen in ihrem spannungsvollen Verhältnis zwischen den Konzeptionen des Sakralen und seinen künstlerisch-ästhetischen Repräsentationen zu erfassen.

 Mit dem Begriff des „visuellen Feldes“ schließt die Untersuchung an Arbeiten von David Morgan an. Morgan versteht den religiösen Blick („sacred gaze“) nicht als einen bloß physiologischen Akt, sondern als eingebunden in ein komplexes „visuelles Feld“ körperlicher (multisensueller), kultureller und sozialer Relationen, innerhalb derer Bildobjekte eine zentrale Stellung einnehmen. Damit beschreibt das Konzept des „visuellen Feldes“ zugleich einen historischen Verhandlungsraum und eine heuristische Kategorie, in der nicht nur die werkimmanenten Eigenschaften der Objekte, sondern auch deren rituelle Einbindung, kulturelle Kodierung und soziale Reglementierung relevant werden.

 Das Projekt geht davon aus, dass die Auseinandersetzungen mit dem kulturell und religiös Fremden nicht nur Wandlungen der Konzeptionen des jeweils ‚eigenen‘ Heiligen in Gang setzten, sondern vermutet auch, dass den ästhetischen Inszenierungen und Sublimierungen von Fremdheit in bildlichen Darstellungen und Reifizierungen des Heiligen eine wichtige Bedeutung zukam. Diese in Anschluss an Max Weber als  „Charisma“ beschriebene Potenz des Fremden im Eigenen gilt es, für den Kontext christlicher Kunst genauer zu definieren und zugleich hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit auf religiöse Repräsentationen im Islam und im Hinduismus zu befragen.

 Die Untersuchung dieser Fragestellungen erfolgt anhand von drei Themenkomplexen: 1. der missionarische Einsatz von Reproduktionen christlicher Kultbilder in der Mission und deren lokale Übersetzungen; 2. die Transformation und Umwertung christlicher Motive bei ihrer Integration in die  Kunstalben (muraqqa) des Mogulhofes; 3. die Rückwirkungen der in den Missionsgebieten entstandenen christlichen Kunst auf die europäischen Repräsentationen des Sakralen und die sie begleitenden theologischen wie künstlerischen Diskurse.