Die Mikrographien in den Bibelhandschriften

Ms. or. fol. 1210, Beginn des Buches Genesis (Bildquelle: Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz)

In Deutschland und Frankreich erlebte die Mikrografie im 13. und 14. Jahrhundert eine Blütezeit und die beiden großen Bibelhandschriften Mss. or. fol. 1210/11 und 1212 legen mit ihren kunstvollen Buchstabenbildern beredtes Zeugnis dafür ab. Doch die Verwendung des Textes der großen Masora als Schmuckelement ist viel älter. Auch dafür enthält die Erfurter Handschriftensammlung mit der Bibel Ms. or. fol. 1213 aus dem 10./11. Jahrhundert ein Beispiel. In dem Manuskript aus dem Nahen Osten ist der masoretische Kommentar durch unterschiedliche einfache, meist geometrische Formelemente mikrographiert. (Bildergalerie)

Die Mikrographien der Bibelhandschrift Ms. or. fol. 1212 aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts treten im Gegensatz zu den einfachen dekorativen Schmuckelementen dieser alten Bibel viel mehr in den Vordergrund. Die ornamentalen, figürlichen und geometrischen Schmuckelemente füllen – vor dem Buch Genesis, dem Hohelied und den Chroniken – ganze Seiten der Handschrift. (Bildergalerie) In den meisten Fällen ist jedoch allein das erste Wort der 24 biblischen Bücher ins Zentrum gerückt und auf unterschiedliche Weise durch den mikrographierten masoretischen Kommentar eingerahmt. Schaut man sich diese Mikrographien am Anfang der biblischen Bücher vergleichend an, entsteht der Eindruck, dass sich der Schreiber bei der Ausführung dieser Verzierungen von keinem festen Formenkanon leiten ließ, sondern mit verschiedenen Mustern experimentierte. Dabei überwiegen rechteckige Tafeln mit floralen und geometrischen Ornamenten sowie runde Medaillons, die diverse Tiere, Drachen und andere Phantasiewesen – manche sogar mit menschlichem Antlitz – beherbergen. Es finden sich jedoch auch große runde Tafeln, einzelne Tiere und menschliche Figuren, die im Zusammenhang mit dem Text interpretiert werden können. (Bildergalerie)

Ein ganz ähnlicher Eindruck entsteht bei der Betrachtung der Mikrographien der großen Bibelhandschrift Ms. or. fol. 1210/1211, die etwa fünfzig Jahre später, Mitte des 14. Jahrhunderts hergestellt wurde. Wegen der derzeitigen Restauration des stark beschädigten ersten Bandes können hier nur die Abbildungen des zweiten Bandes präsentiert werden. (Bildergalerie

Einige der gezeigten Illuminierungen wirken im Vergleich zu den Darstellungen im ersten Band unvollständig bzw. noch in ihrer Entstehung begriffen. Um die jeweils ersten Wörter der Bücher Nahum, Sprüche, Hohelied und Klagelieder erscheint eine große freie Fläche auf dem Pergament, die ursprünglich sicherlich für den mikrographierten masoretischen Text eingeplant waren. Der unvollendete Anfang des Buches Habakuk könnte die ersten Schritte einer weiteren Verzierung der Buchstabenkörper des ersten Wortes zeigen. Der Schreiber füllte nur die Ecken und die engen Stellen der noch hohlen Buchstabenkörper mit schwarzer Tinte, während er die großen Flächen noch frei ließ. So könnte die leichtere Füllung des ganzen Buchstabens mit Tinte vorbereitet, oder aber Platz für die Einfügung figürlicher oder floraler Elemente innerhalb der Buchstabenkörper gelassen worden sein. Die Bibelhandschrift Ms. or. fol. 1212 enthält am Beginn des Buches Malachi (fol. 202v) auch nur ein einziges Zeugnis dieses Stilmittels. In jedem Fall sehen wir hier eine nicht vollendete Arbeit. Von besonderem Interesse ist der Beginn des Buches Hiob, da hier die Arbeitsweise des Schreibers besonders gut nachvollzogen werden kann. Rechts über dem ersten Buchstaben des Wortes „Isch“ – Mann – ist bereits ein Löwe auf seinen Hinterbeinen stehend platziert. Auf der linken Seite über dem Buchstaben schin ist ein gekrönter Vogel mit detaillierter Flügelstruktur vorgezeichnet, der noch keine Buchstabenkontur aufweist. Zwischen den beiden Tiergestalten zeichnen sich schwach die Umrisse eines doppelten Kreises auf dem hellen Pergament ab – auch das eine vorläufige Skizze. In den oberen Abschnitten der noch hohlen Buchstabenkörper ist mit kleiner Schrift der Name „Schalom“ zu lesen, bei dem es sich sicherlich um den „verdienten Rabbi Schalom“ handelt, der im Kolophon der Handschrift als ursprünglicher Initiator der Manuskriptherstellung erwähnt ist. Die vollständige Illuminierung dieses Initialwortes ist auf halbem Weg stehen geblieben. Schließlich sei auf den Beginn des Buches Prediger aufmerksam gemacht, dessen dekorative Elemente ebenfalls nicht vollendet sind. Zwei kleinere mikrographische Figuren in Form eines Drachens und eines Löwens erscheinen über dem Initialwort des biblischen Buches und wirken durch die noch leeren Flächen fragmentarisch bzw. als Teil eines Bildprogramms, das nicht ausgeführt wurde. (Bildergalerie

Es ist bemerkenswert, dass manche dieser Initialworte bereits eine teilweise Illuminierung erfahren haben, während andere noch komplett von einem leeren Raum umgeben sind. Das und die Tatsache, dass zwischen diesen unvollendeten Initialwortseiten bereits fertig mikrographierte Seiten liegen, lassen den Schluss zu, dass der Schreiber nicht systematisch der Reihenfolge der biblischen Bücher entsprechend arbeitete, sondern die noch nicht dekorierten, wahrscheinlich ungebundenen Folios teilweise parallel nach eigenem Ermessen bearbeitete. In jedem Fall ist schließlich festzustellen, dass der zweite Band der großen Bibelhandschrift „Erfurt 1“ zum Zeitpunkt seiner Inbesitznahme durch den Erfurter Rat im Jahre 1349 noch nicht gänzlich fertiggestellt war, auch wenn der Nakdan Schimschon seine Arbeit an der Handschrift – nämlich die Vokalisierung und die Hinzufügung der (kleinen) Masora – im Jahre 1343 für beendet erklärte. Wodurch wurde die Fertigstellung der Handschrift verhindert? Angenommen, der Schreiber der großen Masora begann nach Fertigstellung des kleinen masoretischen Kommentars im Jahre 1343/44 mit seiner Arbeit, so standen ihm bis zum Pogrom Anfang 1349 immerhin mehr als fünf Jahre zur Verfügung. Auch die Frage nach dem Zeitpunkt der Bindung muss offenbleiben. Die Erstellung des großen masoretischen Kommentars und der Mikrographien erfolgte sehr wahrscheinlich an den ungebundenen Seiten. Ist das Manuskript noch unvollständig durch seine jüdischen Besitzer gebunden worden? Oder sind dem Erfurter Rat die noch ungebundenen Blätter der Bibel in die Hände gefallen? Gesetzt den Fall, die Handschrift ist im Zuge des Pestpogroms gestohlen worden, hieße das zum einen, dass sich die Werkstatt des Schreibers in Erfurt befand und, zum anderen, dass die Bindung und Verwahrung der beiden Bände in den großen Kasteneinbänden durch seine christlichen Besitzer veranlasst wurde. 

In der Forschung wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Erfurter Bibelhandschriften Ms. or. fol. 1210/10 und 1212 einer Gruppe von Manuskripten angehören, die Ende des 13. bis Mitte des 14. Jahrhunderts im Fränkischen Raum hergestellt wurden. [1] Diese Aussage konnte aufgrund der starken Parallelen zwischen den mikrographischen Bildprogrammen der Bibeln getroffen werden. Leila Avrin deutete als erste auf die Ähnlichkeit der Motive (florale und geometrische Flechtmuster, Jagdszenen, Bogenmuster mit Tier- und Phantasiewesen) zwischen der Erfurter Bibelhandschrift Ms. or. fol. 1212 und der zweibändigen Ms. Hébr. 5 und 6, die in der Bibliothèke Nationale in Paris aufbewahrt ist, hin.[2] Rahel Fronda vertiefte diese Bemerkung durch eine vergleichende Analyse einiger Bildmotive der Handschriften und konnte damit  eindrücklich zeigen, dass die Untersuchung der Mikrographien unterschiedlicher Manuskripte ein wichtiges Werkzeug zur Identifizierung von Gruppen mittelalterlicher Bibelhandschriften sein kann, die aus derselben Werkstatt stammen. 

„This method may be further helpful for dating or localizing the area of production of these codices. On the basis of their stylistic similarities, a similar repertoire of figurative, floral and geometrical motifs, as well as same iconographical motifs, it is possible to suggest that manuscripts hébreu 5-6 and Or. Fol. 1212 were likely products of the same scribal workshop.”[3]

Fronda kam zu dem Schluss, dass die Herstellung der beiden Handschriften von mehreren Schreibern durchgeführt wurde, die – der Praxis nichtjüdischer Schreibwerkstätten ihrer Zeit folgend – in professioneller Zusammenarbeit Aufträge nach individuellem Wunsch umsetzten. Die Städte Würzburg, Nürnberg und Erfurt scheinen dabei als Standorte der Herstellung mikrographierter Bibeln eine wichtige Rolle gespielt zu haben. 

Neben der Pariser Bibelhandschrift gibt es eine Reihe von Manuskripten aus dem 13. und 14. Jahrhundert, deren Mikrographien ebenfalls starke Parallelen zu den beiden Erfurter Bibelhandschriften aufweisen. Dazu gehören beispielsweise die von Rahel Fronda in einem weiteren Artikel besprochene „Sofer Bibel“ aus der privaten Sammlung von David Sofer in London, eine aschkenasische Bibel, die in Oxford in der Bodleian Library (Bodleian Library MS. Canonici Or. 137, fol. 1v) aufbewahrt wird und die vierbändige Rösel-Bibel (Ms. or. fol. 1–4). Letztere ist heute Teil des Bestandes der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. (Bildergalerie)[4]

Interessante Parallelen im Dekorationsstil und  Bildprogramm können auch zwischen den beiden Erfurter Bibelhandschriften und einer aschkenasischen Bibelhandschrift aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert (Ms. or. 2091) der British Library gezogen werden. Die beispielsweise auf Folio 268 auftretenden Bogenmuster mit den darunter befindlichen Tier- und Phantasiewesen weisen zu den beiden Erfurter Bibeln aber auch zur Pariser Handschrift eine so große Ähnlichkeit auf, dass zumindest auf eine gegenseitige Abhängigkeit der Hersteller geschlossen werden kann. 

Schließlich sei bemerkt, dass die Ästhetik dieser Mikrographien stark an der christlichen Buchkultur angelehnt ist. Viele mikrographische Motive spiegeln dekorative Elemente lateinischer Manuskripte dieser Zeit wieder. Dazu gehört die Illuminierung der Buchstabenkörper durch Schrift und Bild sowie die Vorliebe für Drachen, Einhörner und Grotesken. Dekorative Formelemente christlicher Schmuckseiten aus der Herstellungszeit der beiden Erfurter Bibeln – wie beispielsweise Bögenarchitektur, mit menschlichen und tierischen Figuren gefüllte Medaillons, in sich verschlungene Drachenkörper, florales und geometrisches Flecht- und Rankwerk – scheinen durch jüdische Mikrographen vom Rand ins Zentrum des Bildprogramms gerückt worden zu sein. Auch die unverfängliche Abbildung von Tieren  wie Hunden, Löwen, Hasen, Vögeln oder Hirschen weisen in der christlichen und jüdischen Buchkunst erstaunliche Parallelen mit Blick auf Gestalt und Positionierung innerhalb von Kreisen und unterhalb von Bögen auf. Eine vergleichende Untersuchung dieser transkulturellen Einflüsse auf die Mikrographie wäre sicherlich lohnenswert. Hier sei für einen ersten Eindruck ein Würzburger Psalter aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts als Vergleichsobjekt angeführt: Bildergalerie Diese Beispiele könnten in großer Anzahl anhand von Handschriften aus dem mittel- und süddeutschen Raum des 13./14. Jahrhunderts fortgeführt werden und ersetzten nicht eine systematische Betrachtung des Phänomens. 

Empfohlene Zitierweise: Annett Martini, "Die Mikrographien in den Bibelhandschriften", in: Die hebräischen Handschriften der Erfurter Sammlung (2018), URL: https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/erfurter_sammlung/dokumentation/Die-Mikrographien/index.html


[1] Vgl. die Bibliographie bei Rahel Fronda, „Micrographic Illustrations in a Group of Thirteenth Century Hebrew Bibles,” in: KUSATU 21 (2016), S. 37–73; dies., „Text and Image: The Case of Micrographic Ornaments in 13thand 14thcentury Ashkenazi Bibles,” in: Erfurter Schriften zur jüdischen Geschichte (Band 3 = Zu Bild und Text im jüdisch-christlichen Kontext im Mittelalter), Erfurt 2014, S. 108–117

[2] Leila Avrin, „Micrography as Art,” in: Colette Sirat und Leila Avrin (Hrsg.), La letter hébraïque et sa signification, Jerusalem/Paris 1980, S. 43–63, hier S. 52

[3] Fronda, „Micrographic Illustrations in a Group of Thirteenth Century Hebrew Bibles,” S. 61

[4] Zu dieser Handschriftengruppe siehe Rahel Fronda, „Attributing of Three Ashkenazi Bibles with Micrographic Images“, in: Ars Judaica 9 (2013), S. 45–56