Die antike Stadt Cornus auf Westsardinien (Italien) im Spannungsfeld zwischen indigener Besiedlung, karthagischer Kolonisation und römischer Okkupation – Grabung und Survey

Förderung:

 

Die Stadt Cornus erhob sich über der Küstenlinie unterhalb einer etwa 100 m hoch aufragenden Anhöhe (Abb. 1 – 2 – 3). Im Zusammenhang mit dem Bericht des Livius über den Aufstand des Jahres 215 v. Chr., als Sarden und Karthager unter der Führung von Hampsicora und seinem Sohn Hostus, Sardorum duces, sich gegen Rom auflehnten, findet auch Cornus Erwähnung. Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse wird Cornus als caput eius regionis bezeichnet. Der Aufstand endete in einer Schlacht, aus welcher der Prätor T. Manlius Torquatus als Sieger über die Truppen von Hampsicora und den Karthagern hervorging. Hostus fiel im Kampf, und als Hampsicora, cum paucis equitibus fugiens, vom Tod seines Sohnes erfuhr, tötete er sich selbst. Die Überlebenden flüchteten nach Cornus, das von Livius als receptaculum bezeichnet wird und das T. Manlius intra dies paucos recepit.

Abgesehen von diesen kurzen Notizen besitzen wir keine weiteren Nachrichten, aus denen sich die Geschichte von Cornus rekonstruieren ließe. Dies gilt besonders für die früheren Phasen. Wir wissen nichts über die Gründung, weder hinsichtlich der Chronologie noch der beteiligten ethnischen Gruppen. Cornus kann eine punische Gründung oder aber ursprünglich ein indigenes Zentrum gewesen sein.

 

 

Trotz dieses Mangels an historischen wie archäologischen Informationen wird in der Forschung von einer Gründung der Siedlung in phönizischer Zeit ausgegangen, die mit der Ausbeutung der Eisenminen des Monte Montiferru in Zusammenhang stand und allmählich in das von Karthago errichtete Verteidigungssystem entlang der Küste eingebunden wurde.

Die ersten Forschungen in diesem Gebiet wurden 1916 von A. Taramelli, dem damaligen Soprintendeten Sardiniens, durchgeführt. A. Taramelli hat die Reste einer römischen Villa beschrieben, die etwa 1 km nördlich des Hügels Corchinas lag. Etwas weiter im Norden von Santa Caterina jedoch, in einem kleinen Tal, entdeckte er eine Reihe von Gräbern aus prähistorischer, punischer und römischer Zeit, die von Raubgräbern gestört worden waren.

Während die Anhöhe von Corchinas bis heute nie stratigrafisch untersucht worden ist, konzentrierten sich die zwischen 1955 und 1991 durchgeführten archäologischen Forschungen von Letizia Pani Ermini von der Universität “La Sapienza” in Rom auf den bischöflichen Komplex von Columbaris, der etwa 1 km Luftlinie im Norden von Corchinas liegt und zwischen das 4. und 7. Jh. n. Chr. datiert.

Die tatsächliche Identifikation des antiken Cornus mit den Befunden auf dem Hügel Corchinas geht auf Vittorio Angius zurück und beruht insbesondere auf einer Inschrift auf der Basis eine Marmorstatue, die 1831 gefunden wurde und dann verloren ging; dort waren ordo und populus Cornensium dokumentiert. Außerdem wurden von Vittorio Angius zwei weitere Inschriften erwähnt. Dabei handelte es sich um eine Gruppe von drei Statuenbasen. Neben der bereits genannten Inschrift ist eine zweite von besonderem Interesse, die ebenfalls in Corchinas gefunden wurde und heute im Archäologischen Museum von Sassari aufbewahrt wird. Dort ist die Rede von der civitas von Cornus.

Das Forschungsprojekt, dessen erste Resultate hier vorgestellt werden, hat zum Ziel, die höchste Erhebung des Hügels von Corchinas zu erkunden, um die Phasen der römischen Stadt zu rekonstruieren. Daneben sollen aber auch die älteren Perioden der Siedlung beleuchtet werden.

Die Erforschung des Gebietes des antiken Cornus begann mit einer Untersuchung der Oberfläche, einem Infra-Site, die das gesamte Hügelplateau umfasste. Der Survey wurde durch den dichten Macchiabewuchs erheblich erschwert, weshalb eine komplette Untersuchung der Oberfläche nicht möglich war. Anhand der Keramik ist eine Nutzung der Siedlung spätestens ab dem 5. Jh. v. Chr. bis ins 7. Jh. n. Chr. belegt; den Endpunkt markieren Fragmente von Sigillata Africana D.

Während der ersten Grabungskampagne im Sommer 2011 auf dem Plateau von Corchinas wurden fünf Sektoren untersucht. Ziel des Projektes war es zunächst, die Stratigraphie an mehreren Punkten des Plateaus zu verifizieren, die sich durch eine unterschiedliche Topographie auszeichnen. Während der zweiten Grabungskampagne im Sommer 2012 wurden diese Areale erweitert.

Im Rahmen der Grabungskampagnen wurden hauptsächlich Schichten aus der späten Nutzung der Siedlung untersucht. Noch unentdeckt sind dagegen die ältesten Phasen von Cornus. Die Grabungsergebnisse, wenngleich vorläufig, erlauben die Rekonstruktion von drei Bauphasen. Die älteste, vertreten durch eine Zisterne aus großen quadratischen Kalksteinblöcken, kann, auch wenn die Fundamente noch nicht ergraben sind, mit aller Wahrscheinlichkeit aufgrund der Konstruktionstechnik in die Zeit vor dem 2. Jh. n. Chr. datiert werden (Abb. 4 - 5).

 

Die zweite Bauphase ist durch die Struktur vertreten, die als mögliches Thermengebäude interpretiert wurde, und gehört aufgrund der Sigillata Africana D ins letzte Viertel des 4. Jhs. n. Chr. (Abb. 6). Während der letzten Phase, die im Zuge der Grabungen erschlossen worden ist, wurden auch die Strukturen aus opus africanum am höchsten Punkt der Stadt errichtet. Die Datierung dieser Phase schwankt aufgrund der Keramik zwischen dem Ende des 5. und dem Anfang des 6. Jhs. n. Chr. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist die Phase dem frühen 6. Jh. zuzuschreiben, als Cornus analog zu anderen Zentren auf Sardinien als byzantinisches castrum genutzt wurde.

 

Das Projekt ist als Lehrgrabung des Instituts für Klassische Archäologie der Freien Universität Berlin konzipiert und insgesamt haben zwischen 2011 und 2012 dreißig Studierende an den Forschungskampagnen teilgenommen (Abb. 7). Viele der gewonnenen Ergebnisse stützen sich auf die sorgfältige Arbeit und die zahlreichen Überlegungen der Studierenden. Die Grabungskampagnen sind durch Mittel des Instituts für Klassische Archäologie der FU Berlin und vom Exzellenzcluster 264 „TOPOI. The Formation and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilizations“ kofinanziert.

 

Mitarbeiter:

Dr. Chiara Blasetti Fantauzzi (Fundbearbeitung und Survey)

Mariachiara Franceschini M.A. (Fundbearbeitung)

Lukas Grzona B.A. (Schnittleiter)

 

 

Publikationen:

C. Blasetti Fantauzzi, S. De Vincenzo, Indagini archeologiche nell’antica Cornus (OR), The Journal of Fasti-Online 2013, folder 275

 

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