Jan van Eyck, Genter Altar, Detail, 1432, Gent St. Bavo

Internationale Tagung: Henry van de Velde 1913 – Abgesang des Jugendstils?

28.11.2013 | 18:00


Internationale Tagung: Henry van de Velde 1913 – Abgesang des Jugendstils?

 

Das Jahr 1913 markiert ein signifikantes Datum im Leben des Allroundtalents Henry Van de Velde. Im April, dem Monat seines 50. Geburtstags, war eines seiner Hauptwerke eröffnet worden: das große Théâtre des Champs-Elysées in Paris. Die Ausführung und die Anerkennung der Autorenschaft war ihm allerdings unter skandalösen Umständen durch den Betonarchitekten Auguste Perret entwunden worden, der aus dem Bauwerk das Initialwerk einer klassizistischen Moderne machte.

Der Skandal von 1911-1913 hat eine weit über Architektenkonkurrenzen hinausweisende Bedeutung. Auf dem Zenit seiner Berühmtheit – nach Deutschland als Leiter der Weimar Kunstschule berufen, mit ambitionierten Projekten in ganz Europa betraut und maßgeblicher Protagonist des Deutschen Werkbundes – erlebte Van de Velde sich radikal verändernde Rahmenbedingungen seines künstlerischen Schaffens. Denn unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg vorschobern sich umfassend und sehr eindringlich die Zielsetzungen und Diskurszusammenhänge von Architektur und künstlerischer Ausstattung. War es Selbstverständnis des sog. Jugendstils im Allgemeinen und Van de Veldes im Besonderen gewesen, in pädagogischer und emanzipatorischer Weise die Umgebung des Menschen auf eine höhere Wahrnehmungsstufe zu heben, so trat nunmehr verstärkt der Imperativ in Kraft, über die Architektur als Leitgattung Ordnung und Hierarchie auszudrücken, häufig als anschauliches Äquivalent angeblich nationaler Eigenschaften. Dies gilt in allen Ländern, in denen Van de Velde in dieser Zeit tätig war, insbesondere Frankreich und Deutschland.

Wesentliche Kriterien von Architektur, Innenausstattung und Kunsthandwerk stehen in ihren grundsätzlichen Aufgaben zwischen Affizierung und Repräsentation auf dem Prüfstand: Ornament und Emotion, Theatralität und Pädagogik, Monumentalität und Präsenz. Ziel der Veranstaltung ist es, die hier umrissenen Paradigmenwechsel insbesondere anhand des Werkes eines der herausragenden Theoretikers, Architekten und Ausstatters der Zeit, Henry van de Velde, schärfer als zuvor zu umreißen. Einen Schwerpunkt bilden dessen Theaterbauprojekte, und zwar im interdisziplinären Konnex mit den Theaterreformen der Zeit, in denen die Rolle der Affizierung des Zuschauers seit ca. 1900 neu bestimmt wird (Schirren, Freigang, Sonntag). Damit im Zusammenhang steht ein weiteres Leitthema, das in letzter Zeit zu Recht vermehrte Aufmerksamkeit der Forschung erhält, nämlich die emotionale Wirkqualität der Architektur (Becker, Schmückle, Sonntag). Sie bildet die wesentliche Diskursebene, auf der die Hinwendung zu einer neuen objektivistischen Architekturästhetik formuliert wird. Insoweit stellen die Parameter von „Konstruktion“ und „Monumentalität“ einen dritten Fokus der Veranstaltung dar (Schirren, Fischer, Kostka, Moeller).

 

Programm (pdf):

Donnerstag, 28. November 

Anmeldung erforderlich!
Veranstaltungsort: Belgische Botschaft Berlin, Jägerstraße 52-53, 10117 Berlin

18:00 Walter Moens, Repräsentant der flämischen Regierung: Begrüßung
Christian Freigang, FU Berlin: Grußwort
19:00 Matthias Schirren (TU Kaiserslautern/Zürich): Festvortrag: Fluchtpunkt 1913. Sezession und Avantgarde

Empfang

 

Freitag, 29. November
Veranstaltungsort: Henry-Ford-Bau der FU Berlin, Garystraße 35, 14195 Berlin-Dahlem, Hörsaal B

09:00 Christian Freigang (FU Berlin): Einführung in das Thema

09:15-10:45 Ornament
Moderation: Christine Beese
Ingeborg Becker (olim Bröhan-Museum, Berlin): Emotion und Funktionalität – Henry van de Veldes frühe Arbeiten in Berlin
Priska Schmückle-von Minckwitz (Paris): Henry van de Veldes erste Manuskripte zu Ornamentstheorie und die Geburt der Abstraktion.

10:45-11:15 Kaffeepause

11:15-12:45 Theatralität
Moderation: Ingeborg Becker
Christian Freigang (FU Berlin): Emotion und Konstruktion – kulturelle Kontexte der Affäre um das Théâtre des Champs Elysées
Nina Sonntag (Goethe-Museum Frankfurt/M.): Die Linie als gestaltende Kraft. Van de Veldes Werkbundtheater

12:45-13:45 Mittagspause

14:00-15:00 Ulrike Wulf-Rheidt (DAI Berlin): Führung im DAI, ehem. Villa Wiegand von Peter Behrens, 1911-1913 (beschränkte Teilnehmerzahl, bereits ausgebucht)

15:30-16:15 Kontinuität
Moderation: Christine Beese
Sophie Eberhardt (Straßburg): Crépuscule de l'Art Nouveau dans l'urbanisme. Strasbourg autour de 1913

 
16:15-16:45 Kaffeepause

16:45-19:00 Monumentalität
Moderation: Christian Freigang
Gisela Moeller (FU Berlin): Über das Monumentale bei van de Velde und Behrens
Ole W. Fischer (University of Utah): Im Sog von Nietzsches Willen zur Macht – Henry van de Veldes Monumentalprojekte um 1913
Alexandre Kostka (Univ. de Strasbourg): Van de Veldes konservative Kulturkritik: Vom Kampf gegen die „Hässlichkeit“


Samstag, 30. November
Veranstaltungsort: Bröhan-Museum, Schloßstraße 1a, 14059 Berlin

10:00-12:00 Dr. Ingeborg Becker (olim Leiterin des Bröhan-Museum): gemeinsame Besichtigung der Arbeiten von van de Velde im Bröhan-Museum

Zusatzangebot:
Veranstaltungsort: Deutscher Werkbund Berlin, Werkbund Galerie, Goethestraße 13, Berlin-Charlottenburg
14:00 Führung durch die Ausstellung: Die Suche nach der „reinen Form“ – der Architekt Henry van de Velde

Veranstalter:

Prof. Dr. Christian Freigang
Kunsthistorisches Institut der FU Berlin

in Zusammenarbeit mit der
Flämischen Repräsentanz in Berlin

von der DFH gefördertes Deutsch-fanzösisches Forschungsatelier für Nachwuchswissenschaftler

Kontakt:
Christine Beese M.A.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Arbeitsbereich Architekturgeschichte
Kunsthistorisches Institut der FU Berlin
Koserstr. 20
14195 Berlin
0049-(0)30-838-59293
c.beese@fu-berlin.de