Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften


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Gesundheit und Ernährung: Ein interdisziplinärer Arbeitskreis

Idee

Der interdisziplinäre Arbeitskreis (IAK) Gesundheit und Ernährung hat zum Ziel, das komplexe und historisch kaum beleuchtete Wechselverhältnis von Gesundheit und Ernährung zu erforschen. Nahrung ist eine physiologische Lebensbedingung und Voraussetzung allen Gesundseins. Und doch geht das Verhältnis beider Begriffe weit über diesen existenziellen Zusammenhang hinaus. Denn was Menschen konsumieren, ist nicht allein vom Zugang zu Nahrungsmitteln abhängig, sondern ebenso von sozialem Milieu, wissenschaftlicher Normierung und regionaler Tradition. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich das Gesundheitsdispositiv kontinuierlich auf die Ernährung ausgedehnt. Aus der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, Gesundheit durch ausreichende Ernährung sicherzustellen, wurde die individuelle Verpflichtung zur selbstverantwortlichen Wahrung von Gesundheit durch „richtige“ Ernährung. Das Ergebnis: Kurz vor der Jahrtausendwende antworteten knapp drei Viertel der Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union, dass sie sich gesund und ausgewogen ernährten (Eurobarometer 1999), das Thema „gesunde Ernährung“ rangiert im Interesse der Bevölkerung mittlerweile weit vor Politik und Wirtschaft (Allensbach 2014), und ungesunde Ernährung ist mithin zu einem diskursiven Tabu geworden (TNS Infratest 2012).

Bedeutung

Gerade das Zusammenspiel von Gesundheit und Ernährung wurde zum Baustein der eigenen Identität. Meinte Ludwig Feuerbach „Der Mensch ist, was er isst“ 1850 noch materialistisch, wurde dieser essentialistische Kern im 20. Jahrhundert in Europa durch den postmaterialistischen Imperativ „Du bist, was du nicht isst!“ ersetzt. Die Individualisierung in der Ernährung setzte sich nämlich vor allem mithilfe derjenigen Produkte durch, die – vorwiegend aus Gründen der Gesundheit – nicht konsumiert werden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist eine Ernährungsweise, in deren Zentrum freiwillige Nahrungstabus stehen, zum Ausdruck der eigenen Identität geworden. Die Angst vor dem Hunger wurde abgelöst von der Angst vor Krankheit, und zwar im Bewusstsein, dass der moderne Mensch selbst seine größte Gesundheitsbedrohung darstellt.

Gegenwärtig kann Ernährung nicht mehr ohne ihre gesundheitliche Implikation gedacht werden, zu präsent sind Ampeln, Nährwerttabellen, Diätratgeber und gesellschaftliche Mythen. Dabei ist Ernährung zugleich individuelles Residuum, das den Menschen die Illusion erlaubt, selbsttätig handeln zu können, und zentraler Gegenstand staatlicher Planung. Das widersprüchliche Wechselspiel zwischen dieser Individualisierung und der gesamtgesellschaftlichen Ordnungspolitik seit 1850 ist ein Wesenszug der „Ambivalenz der Moderne“, die es besonders entlang der wechselvollen Erfahrungen im „Zeitalter der Extreme“ zu reflektieren lohnt.


Abb. 1: Der Berliner Schlüssel: drei Analyseebenen des Arbeitskreises zur Entschlüsselung des Wechselverhältnisses von Gesundheit und Ernährung
 

Ziel

Der interdisziplinäre Arbeitskreis will deshalb gemeinsam über das Verhältnis von Gesundheit und Ernährung in seinen überfachlichen Ausprägungen und historischen Dimensionen nachdenken. Dies tut er u.a. mithilfe von drei Analyseebenen (Abb. 1). Die fortwährende Veränderung, welche Nahrungsmittel und Essenskulturen als gesund gelten und welche nicht, gibt nicht nur Auskunft über die Halbwertszeit wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern zugleich über die politischen, sozioökonomischen und kulturellen Spezifika ihrer Zeit.