Historische Ansicht des Gebäudes von 1968

Städtische Arbeiterschaft als Träger der Globalisierung im Porfiriat, Mexiko 1876-1911

Das Teilprojekt D1 untersucht die Bedeutung europäischer und US-amerikanischer Modelle für Angehörige der Unterschichten in Mexiko/Stadt zwischen 1876 und 1911. Am Beispiel der hauptstädtischen Arbeiterinnen und Arbeiter wird danach gefragt, woraus sich die Vorstellung einer westlichen Moderne speiste, welche Kulturpraktiken wie übernommen und angepasst wurden und wie sich die Arbeiterschaft selbst innerhalb dieser Moderne verortete. Die Arbeiter und Arbeiterinnen sollen als Akteure der Globalisierung betrachtet werden, indem danach gefragt wird, inwiefern ausländische Vorbilder aufgegriffen wurden, um sich auf der einen Seite sozial und politisch gegen die hauptstädtische ökonomisch-kulturelle Elite zu behaupten und sich auf der anderen Seite gegen als rückständig beschriebene soziale Gruppen abzugrenzen.

Ziel des Teilprojekts ist es zum einen, die Rolle einer nicht der Elite zugehörigen Gruppe für Globalisierungsprozesse zu untersuchen und zum anderen danach zu fragen, inwiefern man bei dieser Gruppe von spezifischen Prozessen der Fragmentierung und Homogenisierung im Kontext der verstärkten Annäherung an die USA und Westeuropa sprechen kann.

Projektleiter: Prof. Dr. Ulrich Mücke
Bearbeiterin: Jessica Bönsch, M.A.

Langfassung

Die Veränderungen Mexikos unter Porfirio Díaz (1876-1911) werden in der Regel als das Projekt einer recht kleinen Elite beschrieben, welche die Schaltstellen in Wirtschaft, Politik und Kultur besetzte und von dort aus mittels Kooptation und Repression andere Gruppen dazu brachte, die ökonomische und kulturelle Veränderung des Landes zu unterstützen. Dieses Elitenprojekt ist Gegenstand zahlreicher Studien gewesen und in seinen ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Aspekten beschrieben worden. Der Widerstand gegen die von oben angestoßene Veränderung des Landes sowie die Grenzen dieser Veränderung und ihre inneren Widersprüche gehören ebenfalls zu den klassischen Themen der neueren Historiographie zu Mexiko. Insbesondere der ländliche Raum ist hier als ein Ort ausgemacht worden, der entweder nicht von den Veränderungen erfasst wurde oder wo es zu massivem Widerstand gegen Veränderungen kam. Auch der offene Widerstand oder das Beharren auf alten Lebensweisen in der Stadt ist im Rahmen von Untersuchungen zur Populärkultur thematisiert worden. Das Forschungsprojekt soll nun die Perspektive wechseln und städtische Mittelschicht und Arbeiterschaft als Träger der Globalisierung in Mexiko in den Blick nehmen. Die Untersuchung konzentriert sich auf Mexiko/Stadt, da die Hauptstadt das kulturelle und politische Zentrum des Landes war und weit über Mexiko hinaus eine wichtige Referenz darstellte. Die Auseinandersetzungen in Mexiko/Stadt wurden in ganz Mexiko und vielen Teilen Lateinamerikas wahrgenommen und gleichzeitig wurden sie beeinflusst von Entwicklungen im Rest des Landes und des Subkontinents. Bei der Frage nach Globalisierungsprozessen in der Hauptstadt muss also auch nach den Verschränkungen mit dem Rest des Landes und anderen lateinamerikanischen Ländern und Regionen gefragt werden.

Die zentrale Frage der Untersuchung lautet, wie und warum Angehörige der städtischen Arbeiterschaft aktiv jene Veränderungen mitgestalteten, welche sich im Kontext der internationalen Verflechtung Mexikos im Porfiriat vollzogen. Anhand des Beispiels der städtischen Arbeiter und Arbeiterinnen soll danach gefragt werden, welche Vorstellungen von der internationalen Einbindung Mexikos in den genannten Schichten bestanden und wie von Angehörigen der Arbeiterschaft versucht wurde, diese Einbindung zu beeinflussen und für sich zu nutzen. Dabei ist von besonderem Interesse, inwiefern die Internationalisierung von Lebens- und Arbeitskontexten als Chance verstanden wurde, die eigene Position zu stärken bzw. zu verbessern.

Das Teilprojekt zielt nicht auf eine Analyse des literarischen, intellektuellen oder akademischen Diskurses des Fin de Siècle (oder gar auf die Diskussionen über „mexicanidad”), welcher sowohl aus literatur- als auch aus geschichtswissenschaftlicher Sicht analysiert wurde (Kurz 2005; Schmidt 1978). Statt einen häufig auf kleine Kreise der Führungsschicht begrenzten Diskurs in den Blick zu nehmen, fragt das Forschungsprojekt gerade danach, inwiefern außerhalb dieser Führungsschicht die Einbindung in Globalisierungsprozesse dazu führte, einen eigenen Weg in das 20. Jahrhundert zu entwickeln, der zwar von den politischen, ökonomischen und kulturellen Zentren des Nordatlantiks beeinflusst aber nicht in jeder Hinsicht bestimmt wurde. Inwiefern entwickelten Frauen und Männer aus der Arbeiterschaft während des Porfiriats in Auseinandersetzung mit auswärtigen Modellen eigenständige und neue „mexikanische” Antworten auf die Globalisierung?

Problemstellung, Forschungsziele und -fragen

Auch in Lateinamerika gelten das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts und die ersten anderthalb Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts als eine Hochphase der Globalisierung. Zwar ist dieser Terminus in der Historiographie zu Lateinamerika wenig gebräuchlich und es gibt nur wenige Arbeiten, welche sich explizit mit der Bedeutung der Globalisierung für Lateinamerika in diesem Zeitraum beschäftigen. Dennoch sind die Migration von Europa und Asien nach Lateinamerika, die zunehmende ökonomische Einbindung Lateinamerikas in die nordatlantischen Ökonomien und die Orientierung der lateinamerikanischen Eliten an westeuropäischen und US-amerikanischen Modellen zwischen ca. 1870 und 1914 Gegenstand zahlreicher Untersuchungen gewesen.

Auch für Mexiko gilt, dass die genannten Jahre eine Hochphase der Öffnung des Landes nach außen darstellten. Zwar stehen Mexikos Einwanderungszahlen in dieser Zeit weit hinter denen anderer amerikanischer Länder zurück. Nichts desto weniger waren die Veränderungen zwischen 1876 und 1911 eng verbunden mit Mexikos zunehmender Einbindung in den Weltmarkt. Die Hochphase der Öffnung des Landes ging einher mit der Herrschaft einer einzigen Person, Porfirio Díaz. Dieser hatte sich 1876 an die Macht geputscht und herrschte als Präsident (bzw. als starker Mann im Hintergrund, 1880-1884) bis zum Ausbruch der Revolution, die ihn 1911 ins Exil nach Frankreich trieb. Díaz führte eine relativ kleine Elite an, welche sich zum Ziel gesetzt hatte, das Land nach westeuropäischen (und erst in zweiter Linie: US-amerikanischen) Vorbildern umzubauen. Dieses Projekt kann durchaus als eine zweite Kolonisierung beschrieben werden. Indianische und mestizische Alltagskultur wurde als minderwertig wahrgenommen und verurteilt, während gleichzeitig die Heroisierung aztekischer Vergangenheit in die Elitenkultur inkorporiert wurde. Die angestrebten politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Veränderungen zielten darauf ab, autochthone als antimodern verstandene Lebenswelten zu zerstören und die ethnische Vielfalt des Landes zu beseitigen. Politisch strebte die herrschende Elite vor allem eine Befriedung des Landes an. Devianz wurde kriminalisiert, politischer Protest unterdrückt oder kooptiert und die soziale Kontrolle durch Reformen des Justiz- und Gesundheitswesen (Gefängnisse, Kliniken, Psychiatrien) ausgeweitet und intensiviert. Ökonomisch wurde das Land für ausländische Investoren geöffnet, die im Bergbau, der Exportlandwirtschaft, den entstehenden Industrien sowie im Dienstleistungssektor (v.a. im Transportwesen) investierten. Gleichzeitig förderte Díaz den Exportsektor des Landes, was in der Landwirtschaft zum Teil auf Kosten der Binnenversorgung ging. Das Reformprojekt wurde aber nicht allein als ein ökonomisches Vorhaben verstanden. Es galt gleichzeitig als ein Erziehungsprogramm, in dem der Elite die Aufgabe zukam, dem Rest des Landes die (westeuropäischen) Normen bürgerlichen Lebens zu vermitteln. Dies betraf u.a. das Arbeitsverhalten, die Geschlechterrollen und das Konsum- und Freizeitverhalten. Um diese Ziele zu erreichen, wurde das Schulwesen reformiert und eine Vielzahl von Gesetzen erlassen, welche in die angestammten Lebensgewohnheiten eingriffen. Die Elite selber verstand sich dabei als Teil der westeuropäischen Kultur. Es ging ihr darum, ein in ihren Augen nur zum Teil dem Westen zugehöriges Land einer wissenschaftlich fundierten Umwälzung zu unterwerfen.

Tatsächlich veränderten sich viele Teile Mexikos zwischen 1876 und 1911 grundlegend. Dies betraf vor allem die Hauptstadt, deren Bevölkerung sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelte (1910: ca. 700.000). Die Hauptstadt war zugleich der bedeutendste Ort für die Herausbildung einer neuen Mittelschicht und einer neuen Arbeiterschaft. Die Mittelschicht setzte sich v.a. aus Freiberuflern, Lehrern, Büroangestellten, Geschäftsinhabern und selbständigen Handwerkern zusammen. Insbesondere die Zahl der Angestellten vergrößerte sich im Porfiriat enorm, was mit dem Anwachsen der staatlichen Verwaltung, der Ausdehnung des Dienstleistungssektors und auch der allgemeinen wirtschaftlichen Expansion einherging. Die neue Arbeiterschaft im Dienstleistungssektor oder in den entstehenden Industrien unterschied sich gerade im Hinblick auf die stärker reglementierten Arbeitsabläufe erheblich von den unqualifizierten Handarbeitern in stärker traditionell geprägten Bereichen. Diese neuen Schichten waren das vornehmliche Ziel der von der Elite angestrebten kulturellen Veränderungen, da in den Vorstellungen dieser Elite die Moderne wie eine wohltuende Epidemie von einem kleinen Kern ausgehend zunächst die nächststehende Gruppe anstecken sollte, um sich dann im ganzen Land zu verbreiten.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen fragt das Forschungsvorhaben danach, wie sich ein hauptstädtisches Milieu, das nicht der Führungsschicht des Landes zugerechnet werden kann, gegenüber der Einbindung seiner Lebenswelt in weltweite Verflechtungen verhielt, wie es diese Einbindung beurteilte und wie es sie zu beeinflussen suchte. Diese Fragestellung soll am Beispiel der hauptstädtischen Arbeiterschaft untersucht werden.

Das Forschungsvorhaben soll nun danach fragen, wie die Arbeiter und Arbeiterinnen in der hauptstädtischen Industrie ihre Arbeitsverhältnisse als Teil einer globalen Konkurrenz verstanden und wie sie Einfluss auf ihre Position in einem globalen Markt nahmen. Diese Frage lässt sich anhand verschiedener Konflikte und Problemfelder analysieren. Zu nennen sind hier in erster Linie Arbeitskonflikte. Dabei ist auch zu klären, inwieweit Forderungen nach Arbeitsschutzmaßnahmen, besseren Arbeitszeiten usw. sich auf ausländische Vorbilder bezogen oder gar auf den Einfluss internationaler Gewerkschaften. Ein anderes zu untersuchendes Feld ist der Kampf der Arbeiterinnen um ihr Bild in der Öffentlichkeit. Während die negativen Darstellungen der Arbeiterinnen als unmoralische und verantwortungslose Weiber untersucht worden sind (Saloma Gutiérrez 2000, S. 4ff.), soll das Teilprojekt vor allem danach fragen, welches Selbstbild die Arbeiterinnen in ihren zahlreichen Protesten und Eingaben entwarfen. Inwiefern stellten sie sich als moderne Frauen dar, welche die Position Mexikos in einem hart umkämpften Weltmarkt verteidigten? Entwarfen sie ein bestimmtes Bild von der mexikanischen Frau? Welche Rolle spielte gender in der Auseinandersetzung der Arbeiterinnen mit der zunehmenden Internationalisierung ihrer Arbeitswelt? Darüber hinaus sind die Konflikte mit ausländischen Eigentümern und Maschinisten, welche häufig mit den im Ausland gekauften Maschinen in die Betriebe kamen, in den Blick zu nehmen. Auch hier ist danach zu fragen, wie die Arbeiterschaft mit dieser Internationalisierung umging und wie stark sie sie beeinflussen konnten.

Über die Arbeitswelt hinaus soll - so weit dies möglich ist - auch das Freizeitverhalten der Arbeiter und Arbeiterinnen in den Blick genommen werden, wobei danach gefragt wird, inwiefern Freizeitangebote von der zunehmenden Einbindung Mexikos in den nordatlantischen Raum geprägt waren. Zu den Zerstreuungen vom Alltag, welche Mexiko/Stadt im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu bieten hatte, zählten neben religiösen und politischen Festen und Feiern der Zirkus, die Oper, die zarzuela, das Theater, Tanzaufführungen, Marionettenspiele, Konzerte und der zeitweise verbotene und immer heftig diskutierte Stierkampf. Während des Porfiriats gewannen auch Illusionskünstler, Sportveranstaltungen und schließlich das Kino ein Publikum. Diese Unterhaltungsangebote waren zum Teil sozial differenziert. Während die Oper Teil der Elitenkultur war, besuchten die Stierkämpfe auch Angehörige der hauptstädtischen Unterschichten (González Navarro 1990, S. 749). Während die Forschungsliteratur die soziale Verortung des Unterhaltungsangebots analysiert hat, sind die zahlreichen Hinweise auf die nationale und/ oder kulturelle Zuordnung der verschiedenen Veranstaltungen bisher weitgehend unbeachtet geblieben. Tatsächlich aber bewarben die Veranstalter in Zeitungsannoncen ihre Angebote mit Hinweisen auf die nationale Herkunft der Künstler. Die zahlreichen nicht-spanischen und nicht-indianischen Namen der auftretenden Künstler, die Beschreibung der Veranstaltungen und/ oder Künstler als „nordamerikanisch”, „französisch” oder „englisch” und die Häufigkeit, in der ausländische Werke zur Aufführung kamen, sprechen eine deutliche Sprache. Das Forschungsprojekt soll nun die soziale Verortung des Freizeitprogramms mit einer kulturellen bzw. nationalen Zuordnung verbinden. Dabei soll danach gefragt werden, inwiefern die auf die städtischen Unterschichten zielenden Angebote als internationale Kultur beschrieben und eventuell kritisiert wurden. Eine solche Analyse soll es ermöglichen, ein Bild von der internationalen Einbindung der Arbeiterschaft zu entwerfen, welches über die Arbeitswelt hinausgeht.

 

 

Letzte Aktualisierung: 15.09.2012

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