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Home » Arbeitsbereiche » Arbeitsbereich Univ.-Prof. Dr. Stefan Esders » Aktuelles » „Produktivität einer Krise: Die Regierungszeit Ludwigs des Frommen (814-840) und die Transformation des karolingischen Imperium“



„Produktivität einer Krise: Die Regierungszeit Ludwigs des Frommen (814-840) und die Transformation des karolingischen Imperium“

 

Die internationale Forschergruppe, 2005 auf Initiative von Philippe Depreux (Limoges) und Stefan Esders (FU Berlin) ins Leben gerufen, hat ihre gemeinsame Arbeit über die Krisenjahre der Herrschaft Ludwigs des Frommen auf Arbeitstreffen in Göttingen und in Wolfenbüttel aufgenommen, zunächst ohne fremde Finanzierung. Ab 2008 fördern die Deutsche Forschungsmeinschaft (DFG) und die Agence nationale de la recherche (ANR) die Forschergruppe im Rahmen eines dreijährigen Projektes.

 

Das Projekt

Das Projekt sucht den Charakter der Regierungszeit Ludwigs des Frommen als eines Zeitalters der politischen und gesellschaftlichen Transformation zu bestimmen. Mit dieser Funktionsbestimmung soll keineswegs die Krisenhaftigkeit der Epoche bestritten werden, ganz im Gegenteil: Vielmehr, so die Ausgangshypothese, war es gerade die Krisenhaftigkeit der Regierungsjahre Ludwigs des Frommen, gekennzeichnet durch Instabilität, Konfrontation und Konflikt, die ebenso komplexe wie folgenreiche gesellschaftliche und intellektuelle Prozesse auslöste. Die Charakterisierung des letzten Regierungsdezenniums Ludwigs des Frommen als Krisenzeit soll es dabei ermöglichen, Ursachen, Struktur und Folgen des Geschehens besser zu verstehen. Unter „Krise“ wird dabei ein zeitlich abgrenzbarer Prozess verstanden, von dem eine Gesellschaft substantiell betroffen ist und aus der sie verändert hervorgeht. Die Produktivität der Krise zu ermessen, erscheint nur möglich, wenn zunächst deren Ausmaß sowie gesellschaftliche Erfahrbarkeit und Wahrnehmung sichtbar gemacht werden. Daher gilt es zu zeigen, wie krisenhafte Erscheinungen in einzelnen Teilbereichen des politisch-gesellschaftlichen Lebens zunehmend ausgriffen und sich durch beschleunigtes Zusammentreffen verschiedener Faktoren zu einer Krise der politisch-sozialen Ordnung insgesamt ausweiteten: Ansehensverlust überlieferter Normen, sozialer Hierarchien und Institutionen, Legitimationsschwierigkeiten bestehender Autoritäten und das Versagen bislang funktionierender Steuerungsmechanismen gehören zu den unmittelbaren Folgen. Als daraus resultierende Konsequenz ist die Entstehung eines Krisenbewusstseins mit dem Hervortreten neuer Ideen und Eliten zu untersuchen. Auf dieser Grundlage soll geklärt werden, welche Wege aus der krisenhaften Zuspitzung führten und welche Prozesse der Neuformierung und Reorganisation dazu beitrugen, dass Politik und Gesellschaft aus der Krise grundlegend verändert hervorgingen. Ferner sollen die Konsequenzen der Krise für das historische Bewusstsein der Gesellschaft beschrieben werden.

 

Die Forschergruppe

Die wissenschaftliche Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe basiert auf der Verschiedenheit der historiographischen Schultraditionen, denen die Mitglieder des Projektes angehören, sowie unterschiedlicher Fächertraditionen und Schwerpunkte.

Der Forschergruppe gehören Philippe Depreux (Limoges), Stefan Esders (Berlin), Mayke de Jong (Utrecht), Sylvie Joye (Rennes), Matthias Kloft (Frankfurt/M), Klaus Krönert (Lille), Steffen Patzold (Tübingen), Richard Corradini (Wien), Thomas Scharff (Braunschweig) und Sumi Shimahara (Paris) an. Sie wird in der Förderungszeit verstärkt durch Andreas Inkmann und Rutger Kramer (beide Berlin) sowie Sören Kaschke (Berlin) und Jens Schneider (Limoges), deren Forschungsinteressen sich dem Projekt zuordnen. Die Gruppe versammelt sich in regelmäßigen Abständen zweimal jährlich zu Arbeitstreffen, zu denen jeweils auch ausgewiesene Experten für die einzelnen Themen eingeladen werden. Das Projekt wird mit einem großen internationalen Abschlusskolloquium beendet.

 

Schwerpunkte der gemeinsamen Projektarbeit

Die Forschungsgruppe bündelt unterschiedliche Kompetenzen, um sich einer neuerlichen Untersuchung der Quellen zu widmen und eine neue Analyse der Krise von 829 sowie der Folgejahre vorzulegen. Entgegen dem äußeren Anschein bedeutet die zeitliche Fokussierung der Aufmerksamkeit auf jene Jahre keineswegs eine thematische Verengung, gestattet sie es doch, gerade die Grundlagen und Funktionsbedingungen einer großen Reichsbildung der Vormoderne in ihrer Veränderung zu studieren, nämlich die Folgen einer zentralisierenden Politik, die Neuordnung der Besitzverhältnisse in einer Zeit der Entfaltung großer Energien (auf die bewaffnete Eroberung folgte die Ausdehnung einer spirituellen Einflusszone, die keineswegs getrennt war von den wirtschaftlichen Beziehungen), die weltliche und kirchliche Einordnung der Menschen und die Neukonstituierung von Bündnissen und territorialen Netzwerken.

Inhaltlich wird sich die Projektarbeit nacheinander drei Themenkomplexen zuwenden:

Im Themenfeld A « Der Zustand des Reiches in den Jahren 827-835: Chronologie und Ausmaß der Krise » wird zunächst die Chronologie der Ereignisse und die Zuordnung einzelner Quellen geklärt. Thematisch steht dabei das Spannungsverhältnis zwischen Zentralität und lokaler Lebenswelt im Mittelpunkt, um die Erfahrbarkeit krisenhafter Entwicklungen auf lokaler Ebene besser einschätzen zu können.

Das Themenfeld B « Krisenbewusstsein und intellektuelle Reaktionen auf die Herausforderung » widmet sich der Art und Weise, wie verschiedene gesellschaftliche und politische Akteure mit der Zuspitzung der Lage umgingen und darauf reagierten. Im Mittelpunkt stehen hier die politische Theologie der Zeit, Recht und Normativität sowie die in zahlreichen Texten zu beobachtende Neuordnung der Vergangenheit.

Im Themenfeld C « Konfliktmanagement und Lösung der Krise » werden, mit Ausblicken in die weitere Geschichte des 9. Jahrhunderts, Wege aus der Krise und die Transformation der Gesellschaft durch die Krise untersucht. Behandelt werden hier u. a. Buße und Versöhnung in ihrer politischen Funktionalität, die Kontraktualisierung der politischen Beziehungen sowie, mit Blick auf die Aristokratie, die Regionalisierung des Politischen.

 

Anvisierte Ergebnisse

Die Projektarbeit zielt zunächst auf die Erstellung einer Übersetzung und eine Kommentierung der wichtigsten lateinischen Quellen der Zeit sowohl in französischer als auch in deutscher Sprache. Daneben sind als weitere Publikationen eine zusammenfassende Darstellung über das karolingische Reich eine Generation nach dem Tod Karls des Großen, basierend auf einer Analyse des Quellencorpus, und die Publikation der Erträge einer internationalen Tagung über historische Problemstellungen und Untersuchungsmethoden der karolingischen Geschichte geplant.

 

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Stand: 28.01.2009

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